Mit fortschreitender Demenz wird das Essen körperlich schwieriger. Die Bewegungen werden ungenauer, das Zusammenspiel von Auge und Hand lässt nach, und oft fällt gar nicht mehr auf, wenn etwas danebengeht. Der Tisch sieht nach der Mahlzeit anders aus als früher.
Für viele Angehörige ist das der Moment, in dem sie anfangen zu füttern. Das ist verständlich — und meistens zu früh. Selbst zu essen ist Würde, Bewegung und Beschäftigung in einem. Bevor Sie diese Fähigkeit ersetzen, lohnt es sich, sie zu stützen.
Zuerst: die Erwartungen senken
Das klingt wie ein Ratschlag zum Aufgeben, ist aber das Gegenteil. Wer bei jedem Fleck zusammenzuckt, überträgt Anspannung auf die Mahlzeit — und Anspannung macht die Bewegungen noch ungenauer. Kleidung lässt sich waschen, Tischdecken auch. Eine abwaschbare Unterlage unter dem Stuhl nimmt viel Druck aus der Sache.
Dann: die Handhabung erleichtern
| Statt … | … besser | Warum |
|---|---|---|
| Flacher Teller | Schüssel oder Teller mit hohem Rand | Der Rand gibt Widerstand zum Aufschieben — das gelingt ohne zweite Hand. |
| Gabel und Messer | Löffel | Ein Löffel verlangt weniger Feinmotorik und hält den Bissen sicherer. |
| Glatter Tisch | Rutschfeste Unterlage oder Platzset | Der Teller wandert nicht weg, wenn Druck darauf kommt. |
| Dünnwandiges Glas | Standfestes Glas oder Becher mit Henkel | Besser zu greifen, kippt seltener, keine störenden Spiegelungen. |
| Große Portion am Stück | Mundgerecht geschnitten | Schneiden am Teller ist der schwierigste Teil — nehmen Sie ihn vorweg. |
Die Sitzposition wird gern übersehen
Prüfen Sie, ob Stuhl und Tisch zueinander passen: Sitzt die Person aufrecht, stehen die Füße auf dem Boden, ist der Abstand zum Tisch klein genug, um bequem heranzukommen? Ein zu tiefer Sessel oder ein zu weit entfernter Tisch macht aus einer motorischen Schwierigkeit eine unlösbare Aufgabe — und erhöht außerdem das Risiko, sich zu verschlucken.
Fingerfood: die eleganteste Lösung
Wenn Besteck nicht mehr sicher geführt werden kann, ist Fingerfood keine Notlösung, sondern die beste verfügbare Antwort. Es gibt die Kontrolle über die Mahlzeit zurück: Wer mit den Händen isst, isst selbst. Pizza und Brot in mundgerechte Stücke schneiden, warme Kartoffeln, kleine Schnitzelstreifen, Frikadellen, Gemüsesticks, Obststücke.
Rastlosigkeit und Unruhe sind bei Demenzerkrankungen häufig. Manche Menschen können nicht am Tisch sitzen bleiben, stehen mitten in der Mahlzeit auf und gehen umher. Am Tisch festhalten hilft dann nicht — es erzeugt nur Widerstand.
Der bessere Weg heißt „Eat by walking“: kleine, gut greifbare Häppchen anbieten, die sich unterwegs essen lassen. Kleine Brote, Gemüse-Fleisch-Bällchen, Obststücke — auf einem Teller, an dem die Person auf ihrem Weg mehrfach vorbeikommt. Das Verfahren wird auch in Pflegeeinrichtungen angewendet und sichert die Nahrungsaufnahme bei unruhigen Menschen zuverlässig.
Wenn für eine Person püriert, kleingeschnitten oder anders serviert wird, entsteht schnell ein Gefühl von Sonderbehandlung — und damit Scham. Kochen Sie deshalb möglichst für alle dasselbe Gericht und bereiten Sie es so vor, dass es für alle gleich aussieht. Wenn es Frikadellen mit Kartoffelstücken gibt, dann für die ganze Familie.
Seit einigen Wochen geht beim Essen mehr daneben. Gisela erwischt die Erbsen nicht, das Fleisch rutscht vom Teller. Vorgestern hat Werner ihr die Gabel aus der Hand genommen und begonnen, sie zu füttern. Es ging schneller, und der Tisch blieb sauber.
Gisela hat den Mund zugehalten und den Kopf weggedreht. Werner erzählt Anja: „Jetzt will sie nicht mal mehr das.“
„Ich bin doch kein Kind. Ich habe drei Kinder großgezogen und für eine ganze Brigade gekocht. Und jetzt sitzt er da mit dem Löffel vor meinem Mund.“
Gisela, 79
Was raten Sie Werner?
Gisela wehrt sich gegen das Füttern. Was ist der beste nächste Schritt?
Wenn beim Essen viel danebengeht, sollte man möglichst früh mit dem Füttern beginnen, damit genug im Magen ankommt.
Falsch. Selbstständiges Essen ist Würde, Bewegung und Beschäftigung zugleich — und geht durch verfrühtes Füttern verloren. Erst werden Hilfsmittel, mundgerechte Zubereitung und Fingerfood ausgeschöpft. Unterstützung heißt zunächst: die Hand führen, den ersten Löffel ansetzen, danebensitzen.
Werners Reaktion ist nachvollziehbar: Er sieht, dass wenig ankommt, und will helfen. Aber Füttern ist ein großer Schritt. Es verändert das Verhältnis zwischen zwei Erwachsenen — und Gisela hat das sofort gespürt.
Meine Reihenfolge in der Beratung ist immer dieselbe: erleichtern → anreichen → anleiten → die Hand führen → füttern. Fast immer hilft schon die erste Stufe. Und wenn Unterstützung nötig wird, gibt es sanfte Zwischenschritte: den Löffel in die Hand geben und die Hand ein Stück mitführen, den ersten Bissen ansetzen und dann loslassen, oder einfach danebensitzen und selbst essen — die Nachahmung erledigt oft den Rest.
Und noch ein Wort zu den Erbsen: Manche Speisen sind einfach undankbar. Erbsen, Reis und glatte Nudeln rollen davon. Ein sämiges Gericht, eine Frikadelle oder ein Auflauf lässt sich viel leichter aufnehmen. Manchmal ist die Lösung nicht das Hilfsmittel, sondern das Rezept.
- Erwartungen senken. Kleidung und Tischdecken sind waschbar — Anspannung macht Bewegungen ungenauer.
- Schüssel statt Teller, Löffel statt Gabel, rutschfeste Unterlage, standfestes Glas, mundgerecht vorgeschnitten.
- Sitzposition prüfen: aufrecht, Füße auf dem Boden, nah am Tisch.
- Fingerfood ist keine Notlösung, sondern gibt Selbstständigkeit zurück.
- Bei Unruhe: Eat by walking — Häppchen für unterwegs.
- Reihenfolge: erleichtern → anreichen → anleiten → Hand führen → füttern. Nicht abkürzen.
- Möglichst für alle dasselbe kochen — das vermeidet Sonderbehandlung.
Wissenscheck
Ein Teller mit hohem Rand hilft, weil sich das Essen daran aufschieben lässt.
Richtig. Der Rand ersetzt die zweite Hand. Zusammen mit einer rutschfesten Unterlage ist das eines der wirksamsten und billigsten Hilfsmittel überhaupt.
Jemand ist sehr unruhig und bleibt beim Essen nicht am Tisch sitzen. Was ist die beste Antwort?