Essen und Trinken bei Demenz · Modul 2 · Lektion 3

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„Sie fängt an und hört wieder auf“

Ihr LernzielSie gestalten die Umgebung einer Mahlzeit so, dass die Aufmerksamkeit beim Essen bleibt — reizarm, kontrastreich, ruhig.

Diese Situation kennen viele: Es wird angefangen zu essen, nach drei Bissen wandert der Blick weg, die Gabel sinkt — und die Mahlzeit ist beendet, ohne dass jemand satt ist. Von außen sieht das nach Appetitlosigkeit aus. Meistens ist es etwas anderes.

Die Aufmerksamkeit hält nicht mehr durch

Wer gesund ist, blendet Nebensächliches automatisch aus: das Radio im Hintergrund, das Muster der Tischdecke, den Lichtreflex auf dem Glas. Diese Filterleistung geht bei einer Demenz verloren. Alle Reize kommen gleich laut an.

Beobachtungen an Menschen mit einer Alzheimer-Erkrankung zeigen, dass schon kleinste Reize — ein klingelndes Telefon, eine Spiegelung auf dem Tisch — die Aufmerksamkeit vollständig binden und das Essen unterbrechen. Und wenn die Aufmerksamkeit einmal weg ist, kehrt sie oft nicht von selbst zum Teller zurück.

Was Sie an der Umgebung ändern können

In vier Schritten von einem unruhigen zu einem ruhigen Tisch. Video ohne Ton, abspielbar über die Steuerung.
Dieselbe Übersicht als Text
  1. Ton aus. Radio und Fernseher während der Mahlzeit ausschalten. Leise, ruhige Musik kann dagegen beruhigend wirken — sie ist gleichmäßig und fordert keine Aufmerksamkeit.
  2. Tisch leerräumen. Nur das hinstellen, was gebraucht wird: ein Teller, ein Besteck, ein Glas. Blumenvase, Post, Zeitung und Medikamentendose kommen weg.
  3. Kontrast schaffen. Der Teller soll sich deutlich vom Untergrund abheben — zum Beispiel ein weißer Teller auf einer blauen Decke. Und das Essen soll sich vom Teller abheben: Milchreis auf Weiß verschwindet.
  4. Muster und Spiegelungen vermeiden. Gemusterte Tischdecken, glänzende Metallschalen und Lichtreflexe auf Gläsern ziehen den Blick.

Und dann: hinführen statt auffordern

Wenn die Aufmerksamkeit doch abwandert, hilft ein kleiner Satz, der auf das Essen zeigt statt auf die Person: „Probier mal die Kartoffeln, die sind heute richtig gut.“ Das ist etwas anderes als „Du musst noch essen“. Der erste Satz lädt ein, der zweite fordert — und Aufforderungen erzeugen Widerstand.

Gut zu wissen: Essen läuft irgendwann automatisch

Ab einem gewissen Punkt im Verlauf essen Menschen mit Demenz nicht mehr bewusst geplant, sondern automatisch: Sobald sie ein Besteck in der Hand haben und ein Teller mit Essen vor ihnen steht, beginnen sie zu essen.

Das ist eine gute Nachricht. Sie müssen dann niemanden überzeugen. Sie müssen nur die Situation herstellen: Besteck in die Hand geben, Teller hinstellen, danebensetzen — und abwarten.

Gisela Radtke sitzt an einem schlicht gedeckten Tisch, weißer Teller auf blauer Tischdecke, Anja sitzt daneben Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Ein ruhiger Tisch: weißer Teller, blaue Decke, sonst nichts.
Familie Radtke — der Mittagsfernseher

Bei Radtkes läuft mittags immer der Fernseher. Das war schon so, als Werner noch gearbeitet hat — die Nachrichten gehörten zum Essen dazu.

Seit einigen Monaten isst Gisela mittags nur noch wenige Bissen. Sie schaut zum Bildschirm, legt die Gabel hin, kommentiert etwas, greift wieder zur Gabel, schaut wieder hin. Nach zwanzig Minuten steht sie auf. Der Teller ist zu zwei Dritteln voll.

Anja fällt beim Sonntagsbesuch noch etwas auf: Die Tischdecke hat ein kräftiges Blumenmuster, und Werner serviert Milchreis auf weißen Tellern.

Gisela Radtke

„Da redet jemand aus dem Kasten, und der Teller wartet. Ich weiß dann nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Irgendwann stehe ich lieber auf.“

Gisela, 79

Was ändern Sie zuerst?

Anja will bei Radtkes etwas verändern. Womit fängt sie am besten an?

Und was ist mit dem Milchreis auf dem weißen Teller?

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

In der Beratung erlebe ich es oft, dass Familien nach Wochen zurückmelden: Der ausgeschaltete Fernseher habe mehr gebracht als jede Ernährungsumstellung. Das klingt banal, ist aber die logische Folge davon, wie Aufmerksamkeit bei einer Demenz funktioniert.

Bei der Tischdecke bin ich pragmatisch: Man muss nicht alles neu kaufen. Eine schlichte einfarbige Decke oder ein einfaches Platzset genügt, und farbige Teller gibt es für wenige Euro. Wichtig ist nur das Prinzip: ein deutlicher Unterschied zwischen Essen, Teller und Tisch.

Und noch ein Wort zu Werner: Der Mittagsfernseher gehört seit vierzig Jahren zu seinem Tag. Ihn abzuschalten ist für ihn ein echter Verzicht. Es lohnt sich, das anzuerkennen — und vielleicht eine Ersatzlösung zu finden, etwa die Nachrichten danach. Veränderungen halten nur, wenn sie auch für die pflegende Person tragbar sind.

Zum Mitnehmen
  • Der Reizfilter fällt aus: Alle Reize kommen gleich laut an.
  • Fernseher und Radio aus — das ist der größte einzelne Hebel. Leise Musik ist in Ordnung.
  • Nur das Nötige auf den Tisch. Kontrast zwischen Essen, Teller und Tisch schaffen.
  • Muster und Spiegelungen vermeiden.
  • Zum Essen hinführen („Probier mal die Kartoffeln“) statt auffordern.
  • Später gilt: Besteck in die Hand, Teller davor — dann läuft Essen oft automatisch.

Wissenscheck

Leise, ruhige Musik während der Mahlzeit ist bei Demenz grundsätzlich ungünstig.

Ein weißer Teller auf einer blauen Tischdecke ist eine sinnvolle Wahl.