Der umgekehrte Fall ist genauso häufig und für Angehörige oft noch verwirrender: Jemand steht zehn Minuten nach dem Mittagessen in der Küche und fragt, wann es endlich etwas zu essen gibt.
Drei Gründe, die meist zusammenwirken
- Das Kurzzeitgedächtnis hat die Mahlzeit nicht gespeichert. Aus Sicht der betroffenen Person hat sie schlicht nicht stattgefunden — und das ist keine Ausrede, sondern ihre ehrliche Wahrnehmung.
- Das Sättigungsgefühl kommt nicht mehr an. Es fehlt der körperliche Schlusspunkt, der uns sonst sagt: Es reicht.
- Langeweile, Einsamkeit oder Unruhe. Essen ist Beschäftigung, Zuwendung und Struktur zugleich. Wer nichts zu tun hat, sucht oft in der Küche danach.
Dazu kommt: Durst wird häufig mit Hunger verwechselt. Ein Glas Wasser beantwortet manche Hungerfrage überraschend gut.
Bei der selteneren frontotemporalen Demenz (FTD) ist ein unkontrollierbarer Appetit sogar ein typisches Frühsymptom — oft mit einer ausgeprägten Vorliebe für Süßes und großen Mengen an Eis, Keksen oder Kuchen. Auch ein gesteigertes Verlangen nach Alkohol oder Nikotin kommt vor.
Wenn ein solcher Appetit früh auftritt, zusammen mit Veränderungen im Verhalten und im Umgang mit anderen, ist das ein guter Grund, das ärztlich einordnen zu lassen. Der Umgang unterscheidet sich, und die Belastung für Angehörige ist eine andere.
Was im Alltag hilft
- Mahlzeiten teilen. Die zweite Hälfte kommt als Nachschlag, wenn die Frage erneut aufkommt. Aus einem Konflikt wird ein Plan.
- Gesunden Nachschlag bereithalten: ein Stück Obst, Gemüsesticks, ein Joghurt. So bleibt die Antwort immer „ja“.
- Etwas zu trinken anbieten — oft ist es Durst.
- Nach dem Essen ablenken: vom Tisch weg, hinaus in den Garten, gemeinsam abtrocknen, Wäsche zusammenlegen. Eine Aufgabe wirkt besser als ein Verbot.
- Vorräte aus dem Blickfeld. Häufig geöffnete Schränke lassen sich mit neutralen Dingen füllen — Handtücher, Bettwäsche.
- Ein fester Lieblingsessen-Tag: Schokokuchen-Mittwoch, Lasagne-Freitag. Das gibt Vorfreude und Struktur statt Dauerverhandlung.
Wenn stark nach Süßem gesucht wird, gehören Dinge weg, die damit verwechselt werden können: Waschmittel-Pods, Spülmaschinentabs, Reiniger, Duftsteine, Medikamente. Sie sehen aus wie Süßigkeiten und sind hochgefährlich.
Ein abschließbarer Schrank im Hauswirtschaftsraum reicht meist aus. Das ist kein Misstrauen — das ist dieselbe Sorgfalt, die man in einem Haushalt mit kleinen Kindern walten lässt.
Der Kern: validieren statt argumentieren
Der stärkste Reflex ist zugleich der schädlichste: mit Logik antworten. „Aber wir haben doch gerade gegessen!“ Dieser Satz erreicht niemanden, der die Mahlzeit nicht erinnert. Er erzeugt nur eines: das Gefühl, im Unrecht zu sein, ohne zu wissen, warum. Daraus entstehen Verwirrung, Scham und nicht selten Aggression.
Validieren heißt: die Wirklichkeit der anderen Person anerkennen — und dann eine Lösung anbieten. Nicht lügen, nicht recht haben wollen, sondern nebeneinander stehen statt gegenüber.
Es ist halb eins. Gisela und Werner haben Kartoffeln mit Quark gegessen, die Teller stehen noch in der Spüle. Gisela geht zum Vorratsschrank, öffnet ihn und dreht sich um:
„Werner, wann gibt es denn heute Mittag? Ich habe furchtbaren Hunger.“
„Er wird immer lauter, und ich verstehe nicht, warum. Ich habe doch nur gefragt. Manchmal glaube ich, er will mich klein machen.“
Gisela, 79
Wie hätte Werner antworten können?
Gisela fragt zehn Minuten nach dem Essen, wann es Mittag gibt. Welche Antwort ist die beste?
Es ist in Ordnung, Gisela zu sagen, das Essen sei gleich fertig, obwohl es das nicht ist — Hauptsache, sie ist beruhigt.
Falsch. Das ist zwar gut gemeint, aber es beantwortet die Frage nicht, sondern verschiebt sie. Validation ist etwas anderes als eine Notlüge: Sie erkennen das Gefühl an („Du hast Hunger“) und bieten sofort etwas Echtes an. Damit bleiben Sie ehrlich und hilfreich.
Der Satz, den ich Angehörigen am häufigsten mitgebe, lautet: Sie können den Streit gewinnen oder den Nachmittag. Beides geht nicht.
Werner will Gisela nicht ärgern. Er korrigiert sie, weil er die Frau zurückholen will, die er kennt. Jede Korrektur ist ein kleiner Versuch, die Krankheit rückgängig zu machen. Genau deshalb ist es so schwer, damit aufzuhören — und genau deshalb lohnt es sich.
Die Formel für Validation hat drei Teile: Gefühl benennen — nicht widersprechen — etwas anbieten. „Du hast Hunger“ (Gefühl), kein Wort über die Teller (nicht widersprechen), „hier ist ein Apfel“ (Angebot). Mehr braucht es nicht.
Wenn die Frage sehr oft kommt, schauen Sie zusätzlich auf den Tagesablauf. Ständiges Nachfragen ist häufig ein Hinweis auf zu wenig Beschäftigung. Eine Aufgabe, ein Spaziergang oder Besuch wirken dann besser als jedes Nahrungsmittel.
- Ständiger Hunger hat drei Wurzeln: fehlende Erinnerung, fehlende Sättigung, fehlende Beschäftigung. Dazu oft schlicht Durst.
- Nie mit Logik argumentieren. Das erzeugt Verwirrung, Scham und Streit.
- Validation in drei Schritten: Gefühl benennen — nicht widersprechen — etwas anbieten.
- Praktisch: Mahlzeiten teilen, gesunden Nachschlag bereithalten, nach dem Essen ablenken, Vorräte aus dem Blick, fester Lieblingsessen-Tag.
- Waschmittel-Pods, Spültabs und Medikamente wegschließen.
Wissenscheck
Bei der frontotemporalen Demenz ist ein stark gesteigerter Appetit auf Süßes ein typisches Frühsymptom.
Richtig. Anders als bei der Alzheimer-Demenz gehört der unkontrollierbare Appetit — oft mit ausgeprägter Vorliebe für Süßes — bei der FTD zu den frühen Zeichen, häufig zusammen mit Verhaltensänderungen.
Ergänzen Sie die Formel:
Validation heißt: das anerkennen und dann eine anbieten — statt zu widersprechen.