Das ist die Sorge, die uns in der Beratung am häufigsten begegnet. Sie ist berechtigt: Wer über längere Zeit zu wenig isst und trinkt, verliert Kraft, wird anfälliger für Infekte und stürzt leichter. Gleichzeitig ist es die Situation, in der Angehörige am ehesten das Falsche tun — nämlich drängen.
Der erste Schritt ist kein Rezept, sondern eine Frage
Bevor Sie etwas ändern, klären Sie, was eigentlich nicht klappt. Die Antwort führt zu ganz unterschiedlichen Maßnahmen:
| Wenn das dahintersteckt … | … dann hilft das |
|---|---|
| Der Hunger wird nicht mehr gespürt | Feste Zeiten und feste Rituale statt Warten auf Appetit. Der Anblick von Essen weckt oft mehr Appetit als jede Aufforderung. |
| Kochen ist zu kompliziert geworden | Vorbereitete Mahlzeiten, Lieferdienst, gemeinsam kochen mit klaren Einzelschritten. |
| Das Essen schmeckt anders als früher | Kräftiger würzen, Lieblingsgerichte von früher, ungewohnte Vorlieben zulassen. |
| Es geht mit Besteck nicht mehr gut | Fingerfood und kleine Portionen — dazu mehr in Lektion 4 dieses Moduls. |
| Alleinsein am Tisch | Gemeinsam essen. Viele Menschen mit Demenz essen automatisch mit, wenn andere mitessen. |
| Eine körperliche Ursache | Ärztlich abklären — siehe die Liste aus Modul 1. |
Energie hineinbringen, ohne Menge zu erzwingen
Wenn insgesamt wenig gegessen wird, zählt nicht die Menge auf dem Teller, sondern was in der kleinen Menge steckt. In der Ernährungsmedizin heißt das „anreichern“, und es ist erstaunlich wirksam:
- Geschmacksträger großzügig einsetzen: Sahne, Butter, Crème fraîche, vollfetter Käse, ein Löffel Öl im Püree.
- Kräftiger würzen als früher — mit Zwiebeln, Knoblauch, Gewürzen oder Brühe. Das gleicht das nachlassende Geschmacksempfinden aus.
- Kleine Portionen häufiger anbieten. Ein überladener Teller schreckt ab, ein hübsch angerichteter kleiner weckt Appetit.
- Lieblingsgerichte von früher. Alte Geschmacksvorlieben bleiben lange erhalten — und geben zusätzlich emotionale Sicherheit.
Bleiben Sie gelassen, wenn plötzlich ungewöhnliche Kombinationen bevorzugt werden. Marmelade zum Bratkartoffelessen ist kein Symptom, das Sie behandeln müssen.
Trinken ist der Punkt, der am leichtesten vergessen wird
Weil das Durstgefühl nachlässt, funktioniert die übliche Logik nicht mehr: Warten, bis jemand etwas sagt, führt zu wenig Flüssigkeit. Was in der Praxis funktioniert:
- Trinkanlässe statt Trinkmengen. Zu jeder Begegnung ein Glas: beim Ankommen, nach dem Toilettengang, zur Tablette, zum Fernsehen.
- Immer sichtbar und in Reichweite. Was nicht in Sichtweite steht, wird nicht getrunken.
- Mittrinken. Derselbe Nachahmungseffekt wie beim Essen.
- Auswahl anbieten: Tee, Saftschorle, Kaffee, Malzbier — was gemocht wird, wird getrunken.
- Wasserreiche Speisen zählen mit: Suppe, Joghurt, Melone, Kompott, Wackelpudding.
- Deutlich dunkler, stark riechender Urin oder auffällig selten Wasserlassen
- Trockene Mundschleimhaut, rissige Lippen, klebrige Zunge
- Zunehmende Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Schwäche, Schwindel beim Aufstehen
- Verstopfung, die vorher kein Thema war
Verlassen Sie sich nicht darauf, dass jemand Durst äußert — genau dieses Signal fehlt. Bei Hitze steigt das Risiko zusätzlich deutlich an.
Werner hat sich vorgenommen, es jetzt richtig zu machen. Seit zwei Wochen gibt es mittags Vollkornnudeln mit gedünstetem Gemüse, abends Vollkornbrot mit magerem Aufschnitt und einen Salat. Er hat gelesen, dass das gut fürs Gehirn sei.
Gisela isst drei, vier Gabeln und schiebt den Teller weg. Sie hat in vier Wochen zwei Kilo verloren. Werner sitzt abends in der Küche und ist mit seinen Kräften am Ende.
„Er meint es gut. Aber es schmeckt nach nichts. Und dann sitzt er da und schaut mich an, bei jedem Bissen. Da vergeht mir der Rest.“
Gisela, 79
Wie geht es besser?
Werner kocht bewusst gesund, Gisela nimmt trotzdem ab. Was raten Sie ihm?
Und was ist mit Werners Blick bei jedem Bissen?
Werner macht keinen Fehler aus Nachlässigkeit, sondern aus Fürsorge. Das ist mir wichtig zu sagen. Trotzdem sind es hier gleich zwei Punkte, die gegen ihn arbeiten: das falsche Ernährungsziel und die Beobachtung am Tisch.
Bei Gewichtsverlust im Alter gilt ein einfacher Vorrang: Erst die Kalorien, dann die Nährstoffqualität. Ein Mensch, der zu wenig isst, hat kein Zucker- und kein Fettproblem. Er hat ein Energieproblem. Alles, was schmeckt und satt macht, ist in dieser Lage richtig.
Und zu den zwei Kilo: Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust von mehr als fünf Prozent innerhalb von drei Monaten gilt in der Ernährungsmedizin als Warnzeichen und gehört ärztlich abgeklärt. Bei Gisela sind das gut drei Kilo — sie ist also nah dran. Wiegen Sie regelmäßig, immer zur gleichen Tageszeit, und notieren Sie es. Das ist die verlässlichste Information, die Sie in eine Praxis mitbringen können.
Ideen für Fingerfood, das sich unterwegs essen lässt
- Kleine Frikadellen, Fleischbällchen, Mini-Schnitzelstreifen
- Warme Kartoffelstücke, Kartoffelecken, Gemüsesticks mit Dip
- Belegte Brotecken, Käsewürfel, hartgekochtes Ei in Vierteln
- Obststücke, Bananenscheiben, Trauben (halbiert)
- Pfannkuchenstreifen, Waffelstücke, Rührei-Muffins
Gut greifbar, ohne Besteck essbar, nicht zu heiß, nicht zu rutschig — das sind die einzigen Kriterien.
- Erst klären, was nicht klappt — dann passend handeln. Drängen hilft nie.
- Bei zu wenig Essen gilt: erst Kalorien, dann Nährstoffqualität. Anreichern mit Sahne, Butter, Käse, Öl.
- Lieblingsgerichte von früher sind eine Ressource, kein Sündenfall.
- Gemeinsam essen statt zuschauen. Nachahmung wirkt stärker als Aufforderung.
- Trinken über Anlässe steuern, nicht über Durst. Immer sichtbar hinstellen.
- Regelmäßig wiegen. Mehr als 5 Prozent Verlust in drei Monaten gehört abgeklärt.
Wissenscheck
Wenn ein Mensch mit Demenz zu wenig isst, sollte man vor allem auf eine fettarme, zuckerreduzierte Kost achten.
Falsch. Bei drohender Mangelernährung hat die Energiezufuhr Vorrang. Sahne, Butter und Lieblingskuchen sind hier ausdrücklich erwünscht. Fett- und Zuckerreduktion wäre in dieser Lage kontraproduktiv.
Menschen mit Demenz essen oft mehr, wenn jemand mit am Tisch sitzt und ebenfalls isst.
Richtig. Der Nachahmungseffekt ist einer der wirksamsten Hebel überhaupt — und er kostet nichts. Alleine essen zu lassen ist dagegen eine der häufigsten vermeidbaren Ursachen für zu geringe Nahrungsaufnahme.