Herausforderndes Verhalten verstehen · Modul 1 · Lektion 2

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Auslöser lesen lernen

Ihr LernzielSie kennen die typischen Auslöser für herausforderndes Verhalten — und wissen, dass sie sich im Verlauf der Erkrankung verändern.

Wenn das Verhalten eine Botschaft ist, dann lautet die nächste Frage: Wovon handelt sie? In der Beratung begegnen uns immer wieder dieselben Auslöser. Und sie sind nicht in jeder Phase der Erkrankung dieselben — das ist der Punkt, den viele übersehen.

Früh im Verlauf: das eigene Nachlassen bemerken

Am Anfang bemerken Menschen mit Demenz ihre Schwierigkeiten noch sehr genau. Ein Wort fällt nicht ein. Ein Name ist weg. Ein vertrauter Handgriff misslingt vor Zeugen. Es ist dieses Bemerken selbst, das die Wut auslöst — nicht die Vergesslichkeit.

Dazu kommen Gedanken, die niemand sieht: Habe ich etwas Wichtiges vergessen? Was wird aus mir? Solche Sorgen können sich in einer beiläufigen Situation entladen, die mit dem eigentlichen Anlass gar nichts zu tun hat.

Im weiteren Verlauf: Orientierung und Selbstbestimmung

Später kommen andere Auslöser dazu:

Dieser letzte Punkt ist der häufigste von allen — und der, an dem Angehörige am meisten verändern können. Denn er entsteht nicht durch die Krankheit allein, sondern durch die Art, wie wir helfen.

Im späteren Stadium: Reize werden bedrohlich

Wenn das Einordnen von Sinneseindrücken schwerer wird, kann Alltägliches bedrohlich wirken: fremde Gesichter, Geräusche, viele Stimmen durcheinander, grelles Licht. Ein voller Wartebereich, ein Einkaufszentrum, eine laute Familienfeier — Orte, die für uns normal sind, können hier zu viel sein.

Die Auslöser wandern mit dem Verlauf — die Strategie muss mitwandern.
PhaseTypische AuslöserWas am ehesten hilft
FrühEigene Defizite bemerken, Wortfindung, Sorgen um die ZukunftNicht abfragen, nicht korrigieren, Gesicht wahren lassen
MittelOrientierungsverlust, unverständliche Abläufe, FremdbestimmungWahlmöglichkeiten geben, Schritte ankündigen, Tempo herausnehmen
SpäterReizfülle: Lärm, viele Menschen, grelles Licht, fremde GesichterReize reduzieren, vertraute Personen, ruhige Orte und Zeiten
Nicht vergessen: der Körper

Auch Schmerzen und andere körperliche Beschwerden können hinter herausforderndem Verhalten stecken. Menschen mit Demenz äußern Schmerzen oft nicht mehr in Worten — sie zeigen sie durch Abwehr, Unruhe oder Gereiztheit.

Deshalb gilt derselbe Grundsatz wie bei allen Veränderungen: Erst körperliche Ursachen abklären lassen, bevor man nach psychologischen Erklärungen sucht. Zahnschmerzen, eine volle Blase, Verstopfung, ein Infekt oder ein neues Medikament sind schnell geprüft. Mehr dazu in Modul 3.

Gisela Radtke sitzt angespannt in einem vollen, hell beleuchteten Wartebereich Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Ein voller Wartebereich ist für viele Menschen mit Demenz schlicht zu viel.
Familie Radtke — der Termin um elf

Anja hat für ihre Mutter einen Facharzttermin bekommen: elf Uhr, Wartezimmer im ersten Stock. Es ist voll, das Licht ist hell, ein Fernseher läuft, immer wieder wird ein Name aufgerufen. Sie warten fünfzig Minuten.

Nach einer halben Stunde steht Gisela auf und will gehen. Anja hält sie am Arm zurück: „Mama, wir sind gleich dran.“ Gisela reißt sich los und sagt laut: „Fass mich nicht an!“ Alle schauen.

Gisela Radtke

„So viele Menschen, und alle reden. Das Licht tut weh. Ich weiß nicht, warum ich hier sitze. Ich wollte nur raus.“

Gisela, 79

Wo lag der Auslöser?

Was war der eigentliche Auslöser für Giselas Reaktion?

Was hätte Anja im Vorfeld anders machen können?

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Das Wartezimmer ist unser Standardbeispiel in der Beratung, weil dort alles zusammenkommt: Reizfülle, Zeitdruck, fehlende Orientierung und Fremdbestimmung. Wer eine Situation entschärfen will, muss nicht alle vier beseitigen. Meist reicht es, eine davon herauszunehmen.

Ein Hinweis zum Festhalten: Ich verstehe den Reflex — Anja wollte den Termin retten. Aber Festhalten ist die eine Reaktion, die in solchen Momenten fast immer eskaliert. Wer sich ohnehin bedrängt fühlt und dann körperlich festgehalten wird, wehrt sich stärker. Besser ist, mitzugehen: hinaus auf den Flur, ein paar Schritte, dann zurück. Der Termin ist meist nicht verloren.

Und weil die Frage immer kommt: Nein, die Blicke der anderen sollten Ihre Entscheidung nicht steuern. Ich weiß, wie schwer das ist. Aber die Situation Ihres Angehörigen ist wichtiger als das Bild, das ein Wartezimmer sich von Ihnen macht.

Auslöser, die im Alltag oft übersehen werden
  • Hunger, Durst, volle Blase — wird nicht mehr benannt, aber gespürt.
  • Müdigkeit — besonders am späten Nachmittag, siehe Lektion 02-04.
  • Zu viele Fragen auf einmal — jede Frage ist eine kleine Prüfung.
  • Spiegel und Fernseher — das eigene Spiegelbild oder Menschen im Fernsehen können als anwesende Fremde erlebt werden.
  • Wechsel der Betreuungsperson, ungewohnte Kleidung, neue Möbel.
  • Ihre eigene Anspannung — Stimmungen übertragen sich, auch wenn die Worte ruhig bleiben.
Zum Mitnehmen
  • Auslöser wandern mit dem Verlauf: erst das Bemerken eigener Defizite, dann Orientierungsverlust und Fremdbestimmung, später Reizfülle.
  • Fremdbestimmung ist der häufigste Auslöser — und der, an dem Sie am meisten ändern können.
  • Auch Schmerzen und körperliche Beschwerden lösen Verhalten aus. Erst abklären lassen.
  • Eine Situation ist entschärft, wenn ein Auslöser wegfällt — nicht erst, wenn alle weg sind.
  • Festhalten eskaliert. Mitgehen ist fast immer besser.

Wissenscheck

Zu Beginn einer Demenz sind es oft die eigenen bemerkten Defizite, die zu gereizten Reaktionen führen.

Ergänzen Sie den häufigsten Auslöser:

Das Gefühl, zu werden, ist einer der häufigsten Auslöser — und derjenige, an dem Angehörige am meisten können.