Herausforderndes Verhalten verstehen · Modul 1 · Lektion 1

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Es ist nichts Persönliches

Ihr LernzielSie deuten herausforderndes Verhalten als Ausdruck von Überforderung — nicht als Absicht, nicht als Charakterwandel und nicht als Vorwurf an Sie.

Es gibt einen Moment, den fast alle pflegenden Angehörigen beschreiben können. Der Mensch, mit dem sie ihr Leben teilen, schimpft plötzlich. Schreit. Schlägt vielleicht die Tür. Und was danach kommt, ist oft schlimmer als der Moment selbst: der Gedanke, dass da jemand Fremdes sitzt.

Diese Lektion soll Ihnen diesen Gedanken nehmen. Nicht durch Beschönigen — solche Situationen sind hart. Sondern indem wir anschauen, was tatsächlich passiert.

Was hinter dem Verhalten steckt

Aggressives oder sehr unruhiges Verhalten kommt bei vielen Menschen mit Demenz vor. Es ist fast nie böse Absicht. Es ist ein Zeichen großer Überforderung.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Raum, den Sie nicht kennen. Jemand redet auf Sie ein, aber die Sätze ergeben keinen Sinn. Sie sollen etwas tun, wissen aber nicht was. Und Sie können nicht fragen, weil Ihnen die Worte fehlen. Wie lange bliebe Ihre Geduld?

Genau das ist die Lage, aus der heraus geschimpft wird. Es fehlt schlicht die Möglichkeit, sich anders auszudrücken. Das Verhalten ist die Botschaft. Sie lautet meist: Ich komme hier nicht zurecht, und ich brauche Hilfe.

Drei Sätze, die den Blick verändern

Die Deutung entscheidet darüber, was Sie als Nächstes tun.
Statt zu denken …… hilft dieser Gedanke
„Er ist nicht mehr er selbst.“Er ist noch da — aber gerade überfordert. Der Mensch bleibt, die Möglichkeiten schrumpfen.
„Sie macht das mit Absicht.“Absicht setzt Planung voraus. Genau die ist beeinträchtigt. Was wie Berechnung aussieht, ist meist Reaktion.
„Das gilt mir.“Sie sind da — deshalb trifft es Sie. Nicht weil Sie gemeint sind, sondern weil Sie in Reichweite sind. Das ist bitter, aber es ist ein Unterschied.

Warum diese Unterscheidung so wichtig ist

Sie ist keine Beschwichtigung. Sie ist praktisch. Wer Absicht vermutet, reagiert mit Verteidigung, Vorwurf oder Rückzug — und jede dieser Reaktionen verschärft die Lage. Wer Überforderung vermutet, sucht nach dem Auslöser. Und der lässt sich oft beseitigen.

Das ist der rote Faden dieses Kurses: Erst verstehen, dann handeln. In der nächsten Lektion schauen wir uns an, welche Auslöser es typischerweise sind.

Gisela Radtke steht angespannt im Flur und hält abwehrend die Hände vor sich, Werner tritt einen Schritt zurück Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Ein Moment, den viele Familien kennen — und der niemandem gilt.
Familie Radtke — der Mantel

Es ist Mittwoch, halb vier. Werner will mit Gisela zum Arzt, sie sind spät dran. Er holt ihren Mantel, hält ihn ihr hin und sagt: „Komm, wir müssen los, zieh das an.“

Gisela weicht zurück. „Lass mich!“ Sie stößt seine Hand weg, ihre Stimme wird laut. „Du kommandierst mich immer herum!“

Werner ist wie erstarrt. In 56 Jahren hat sie ihn nie angeschrien.

Gisela Radtke

„Er hält mir etwas hin und redet schnell und ich weiß nicht, was er will. Alles geht zu schnell. Ich wollte nur, dass es aufhört.“

Gisela, 79

Was ist hier passiert?

Gisela stößt Werners Hand weg und schreit ihn an. Welche Deutung bringt die beiden weiter?

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Werners Satz war gut gemeint und in der Sache völlig richtig: Sie mussten los. Nur enthielt er alles, was in dieser Situation nicht funktioniert — Tempo, eine Anweisung und keinen erkennbaren Grund.

Aus Giselas Sicht sah es so aus: Jemand kommt schnell auf mich zu, hält mir etwas hin und sagt Wörter, die ich nicht sortieren kann. Wer sich so bedrängt fühlt und nicht nachfragen kann, wehrt sich. Wir alle würden das tun.

Was ich Angehörigen an dieser Stelle mitgebe: Der Ausbruch ist selten der Anfang. Er ist das Ende einer Kette, die schon Minuten vorher begonnen hat. Genau diese Kette schauen wir uns in der nächsten Lektion an — denn dort lässt sich etwas verändern, im Ausbruch selbst kaum noch.

Und noch etwas, weil es Werner spürbar zugesetzt hat: Dass es ihn traf, lag daran, dass er da war. Nicht daran, dass er gemeint war.

Zum Mitnehmen
  • Herausforderndes Verhalten ist fast nie Absicht, sondern ein Zeichen von Überforderung.
  • Das Verhalten ist die Botschaft — meist: Ich komme nicht zurecht und brauche Hilfe.
  • Es trifft Sie, weil Sie da sind, nicht weil Sie gemeint sind.
  • Wer Absicht vermutet, verteidigt sich. Wer Überforderung vermutet, sucht den Auslöser — und findet ihn oft.
  • Der Ausbruch ist das Ende einer Kette, nicht ihr Anfang.

Wissenscheck

Wenn ein Mensch mit Demenz aggressiv reagiert, hat sich sein Charakter durch die Krankheit verändert.

Warum trifft herausforderndes Verhalten meist die nächsten Angehörigen?