Wir sind am Ende des Kurses angekommen, und ich möchte mit dem schließen, was in der Beratung am Ende fast immer übrig bleibt: nicht eine weitere Technik, sondern die Frage, wie Sie das alles durchhalten.
Die wichtigste Unterscheidung
Manche der Probleme aus diesem Kurs lassen sich gut lösen. Andere lassen sich mildern. Und einige muss man als das annehmen, was sie sind: eine neue Normalität. Wer diese drei Gruppen nicht auseinanderhält, kämpft dauerhaft an einer Front, an der nichts zu gewinnen ist.
| Lässt sich gut lösen | Lässt sich mildern | Neue Normalität |
|---|---|---|
| Ein zu unruhiger Tisch | Wenig Appetit — durch Anreichern und Gesellschaft | Dass sich der Geschmackssinn verändert hat |
| Fehlende Hilfsmittel beim Essen | Ständiges Nachfragen — durch Beschäftigung und Validation | Dass die Mahlzeit nicht erinnert wird |
| Behandelbare Ursachen wie Zähne oder Medikamente | Unruhe beim Essen — durch Fingerfood | Dass es unordentlicher zugeht als früher |
| Zu wenig Trinkanlässe | Sicherheit beim Schlucken — durch Haltung und Tempo | Dass Ihre Angehörige nicht mehr die Köchin von früher ist |
Essen ist Beziehung, nicht Leistung
Wenn eine Mahlzeit zur täglichen Prüfung wird, verliert sie genau das, was sie bei Demenz so wertvoll macht. Der gedeckte Tisch, der vertraute Geruch, das gemeinsame Sitzen — das wirkt auch dann noch, wenn vieles andere schon nicht mehr geht. Ein Mensch, der wenig isst, aber gern am Tisch sitzt, hat mehr gewonnen als einer, der jeden Teller leert und sich dabei kontrolliert fühlt.
Deshalb ist mein Maßstab in der Beratung nicht die gegessene Menge, sondern die Frage: War es eine gute halbe Stunde?
Und Sie selbst?
Pflegende Angehörige tragen ein besonderes Gewicht: Sie sind nicht nur zuständig, sie fühlen sich auch verantwortlich für das Ergebnis. Bei Essen und Trinken ist dieses Gefühl besonders stark — jemanden zu ernähren gehört zu den ältesten Formen von Fürsorge, die wir kennen. Wenn das nicht mehr gelingt, trifft es tief.
Bitte nehmen Sie diesen Satz mit: Sie sind nicht verantwortlich für den Verlauf einer Erkrankung. Sie sind verantwortlich dafür, es gut zu meinen und sich Unterstützung zu holen. Beides tun Sie gerade.
- Demenznetz Anhalt-Bitterfeld — kostenfreie Beratung, Angehörigengruppen und Vermittlung vor Ort. Wir kennen die Angebote in der Region und begleiten Sie auch über einzelne Fragen hinaus.
- Pflegestützpunkt und Pflegekasse — Beratung zum Pflegegrad und zu Leistungen wie Verhinderungspflege, Tagespflege oder Entlastungsbetrag.
- Hausarztpraxis — erste Adresse bei allem Körperlichen: Ursachensuche, Medikationscheck, Verordnung von Logopädie oder Ergotherapie.
- Ergotherapie — berät konkret zu Hilfsmitteln und übt Essen und Trinken im Alltag; wird ärztlich verordnet.
- Ernährungsberatung — sinnvoll bei anhaltendem Gewichtsverlust, auf ärztliche Empfehlung.
- Angebote zur Unterstützung im Alltag — stundenweise Betreuung, damit Sie eine Mahlzeit einmal nicht begleiten müssen.
Es ist Anja, die den Termin gemacht hat. Werner ist mitgekommen, weil sie nicht lockergelassen hat. Er sitzt mit dem Mantel auf dem Schoß da, als wolle er gleich wieder gehen.
Nach zwanzig Minuten sagt er den Satz, um den es eigentlich geht: „Ich habe 56 Jahre für sie gesorgt. Und jetzt kriege ich nicht mal mehr hin, dass sie ordentlich isst.“
„Wenn ich Hilfe hole, heißt das doch, dass ich es nicht mehr kann. Und was ist sie dann für mich? Ein Fall?“
Werner, 82
Was würden Sie Werner sagen?
Werner erlebt es als Versagen, Unterstützung anzunehmen. Welche Haltung hilft ihm am ehesten?
Werners Satz „Und was ist sie dann für mich? Ein Fall?“ ist einer der Sätze, die ich nicht vergesse. Dahinter steht die Angst, dass mit der Hilfe von außen auch die Beziehung eine andere wird — aus einer Ehe wird ein Pflegeverhältnis.
Meine Antwort darauf ist immer dieselbe: Genau umgekehrt. Wenn jemand anderes das Anreichen übernimmt, das Duschen, die Wäsche, dann bleibt für Werner wieder Zeit, Giselas Mann zu sein statt ihr Pfleger. Entlastung nimmt nicht die Beziehung weg. Sie gibt sie zurück.
Und zu seinem Vorwurf an sich selbst, er kriege es nicht hin, dass sie ordentlich isst: Das kriegt niemand hin. Nicht ich, nicht die beste Pflegefachkraft. Was wir hinkriegen, ist, es leichter zu machen — und das ist nach allem, was Sie in diesem Kurs gelernt haben, gar nicht wenig.
Danke, dass Sie sich diese Zeit genommen haben. Sie haben sie nicht für sich genommen, sondern für jemanden, der Ihnen wichtig ist. Das rechne ich hoch an.
- Drei Gruppen unterscheiden: lösbar — milderbar — neue Normalität. Kräfte dort einsetzen, wo sie wirken.
- Essen ist Beziehung, nicht Leistung. Maßstab ist nicht die Menge, sondern: War es eine gute halbe Stunde?
- Sie sind nicht verantwortlich für den Verlauf der Erkrankung.
- Entlastung nimmt die Beziehung nicht weg — sie gibt sie zurück.
- Anlaufstellen: Demenznetz, Pflegestützpunkt, Hausarztpraxis, Ergotherapie, Ernährungsberatung, Alltagsbegleitung.
Wissenscheck
Wenn pflegende Angehörige Unterstützung annehmen, bedeutet das, dass sie mit der Pflege überfordert sind und sie besser abgeben sollten.
Falsch. Unterstützung ist kein Eingeständnis, sondern das, was das Pflegen länger möglich macht. Wer entlastet ist, ist am Tisch gelassener — und diese Gelassenheit überträgt sich unmittelbar auf die Mahlzeit.
Was ist der bessere Maßstab für eine gelungene Mahlzeit bei Demenz?