Essen und Trinken bei Demenz · Modul 1 · Lektion 2

0 von 10 Lektionen abgeschlossen (0%)
0:00 Lektion anhören

Die sieben typischen Muster

Ihr LernzielSie erkennen die sieben Veränderungen wieder, die beim Essen und Trinken am häufigsten auftreten — und können eine Beobachtung im Alltag einem Muster zuordnen.

In der vorigen Lektion haben wir die Mahlzeit als Kette beschrieben. Jetzt schauen wir uns an, wo diese Kette am häufigsten reißt. Sieben Muster begegnen uns in der Beratung immer wieder. Kein Mensch zeigt alle sieben, und fast nie zeigen sich zwei Menschen gleich. Aber wenn Sie die Muster einmal kennen, ordnen Sie vieles im Alltag schneller ein.

1 · Komplexe Abläufe misslingen

Der Wocheneinkauf, das Kochen nach Rezept, selbst eine Tasse Kaffee: Das sind Handlungen aus vielen Einzelschritten in fester Reihenfolge. Genau das wird früh schwierig — oft lange bevor andere Veränderungen auffallen. Häufig ist das überhaupt das erste Zeichen, das Angehörige rückblickend erinnern.

2 · Der Geschmack verändert sich

Was jahrzehntelang geschmeckt hat, wird plötzlich abgelehnt — und umgekehrt landen auf einmal Kombinationen auf dem Teller, die früher undenkbar waren. Dahinter steht ein verändertes Geruchs- und Geschmacksempfinden. Es lohnt sich nicht, dagegen anzukochen.

3 · Hunger und Sättigung werden nicht mehr richtig wahrgenommen

Beides kann in beide Richtungen kippen: Manche spüren keinen Hunger mehr und lassen Mahlzeiten stehen. Andere spüren keinen Schlusspunkt und möchten unmittelbar nach dem Essen erneut essen. Beides hat dieselbe Wurzel — die Körpersignale kommen nicht mehr richtig an.

4 · Das Durstgefühl lässt nach

Der Bedarf des Körpers bleibt gleich, die Meldung bleibt aus. Deshalb ist Trinken bei einer Demenz fast immer ein Thema — und zwar bevor jemand über Durst klagt. An heißen Tagen verschärft sich das zusätzlich.

5 · Wissen über Zubereitung und Besteck geht verloren

Wie bediene ich den Herd? Wofür ist die Gabel? Solche über Jahrzehnte eingeübten Handgriffe können verloren gehen. Das ist für Angehörige oft besonders schwer auszuhalten — und es ist einer der Punkte, an denen einfache Hilfsmittel viel bewirken.

6 · Die Aufmerksamkeit hält nicht mehr durch

Ein klingelndes Telefon, ein Lichtreflex auf dem Glas, der laufende Fernseher: Schon kleinste Reize ziehen die Aufmerksamkeit weg — und dann wird nicht weitergegessen. Die Mahlzeit endet, ohne dass jemand satt ist.

7 · Das Schlucken wird unsicher

Vor allem im fortgeschrittenen Stadium können Schluckstörungen hinzukommen. Sie sind das einzige Muster in dieser Liste, bei dem es um Sicherheit geht — deshalb widmen wir ihm später eine eigene Lektion.

Werner und Gisela Radtke stehen mit einem Einkaufswagen vor einem gut gefüllten Supermarktregal Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Der Wocheneinkauf wird oft früh zur Hürde — lange bevor anderes auffällt.
Familie Radtke — der Einkaufszettel

Früher hat Gisela den Wocheneinkauf im Kopf gehabt. Jetzt schreibt Werner einen Zettel. Im Laden bleibt Gisela vor dem Regal stehen, nimmt eine Packung, legt sie zurück, nimmt sie wieder. Nach zehn Minuten sagt sie, sie wolle nach Hause.

Zu Hause stellt Werner fest: Von zwölf Dingen auf dem Zettel sind vier im Wagen gelandet — und drei Packungen Pflaumenkuchen, die nicht auf dem Zettel standen.

Gisela Radtke

„Dieses Regal ist so voll. Alles schreit gleichzeitig. Ich weiß, dass ich etwas suche, aber ich finde die Stelle nicht, wo ich anfangen soll.“

Gisela, 79

Ordnen Sie zu

Gisela nimmt im Laden eine Packung, legt sie zurück, nimmt sie wieder. Welches Muster passt am besten?

Und die drei Packungen Pflaumenkuchen? Was ist der beste Umgang damit?

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Der Einkauf ist in unserer Beratung ein Klassiker. Er verlangt nämlich fast alles gleichzeitig: Gedächtnis, Planung, Entscheidung, Orientierung und Reizverarbeitung. Deshalb ist er oft die erste Situation, die spürbar kippt — und deshalb sagt er wenig über den Appetit und viel über die Belastbarkeit.

Was hilft: ein kleiner Laden statt des großen Marktes, eine Liste mit wenigen Dingen, ruhige Tageszeiten, und ein Einkaufsauftrag, den Gisela wirklich ausführen kann — etwa das Obst aussuchen. Sie bleibt beteiligt, ohne überfordert zu sein.

Zu den drei Kuchen: Wenn jemand ohnehin zu wenig isst, ist Lieblingsessen kein Fehler, sondern eine Ressource. Über Zucker und Vollkorn reden wir in Modul 3 — und Sie werden sehen, dass ich es entspannter sehe, als Sie vielleicht erwarten.

Zum Mitnehmen
  • Sieben Muster: komplexe Abläufe · Geschmack · Hunger und Sättigung · Durst · Zubereitung und Besteck · Aufmerksamkeit · Schlucken.
  • Niemand zeigt alle sieben — und selten zwei Menschen dieselben.
  • Der Einkauf kippt oft zuerst, weil er alles auf einmal verlangt.
  • Alte Geschmacksvorlieben bleiben lange erhalten. Nutzen Sie sie.

Wissenscheck

Wenn jemand mit Demenz plötzlich Speisen ablehnt, die er jahrzehntelang mochte, ist das meist ein Zeichen von Trotz.

Ergänzen Sie den Merksatz zum Trinken:

Bei einer Demenz lässt das nach, der Bedarf des Körpers bleibt aber .