Wenn ein vertrauter Mensch plötzlich kaum noch isst, das Lieblingsgericht stehen lässt oder zum dritten Mal nach dem Mittagessen fragt, ist der erste Gedanke oft ein Vorwurf — an die erkrankte Person oder an sich selbst. Beides führt in die Irre. Fast alles, was Ihnen beim Essen und Trinken auffällt, hat einen Grund in der Erkrankung.
Essen ist keine einfache Handlung
Wir erleben eine Mahlzeit als etwas Selbstverständliches. Tatsächlich ist sie eine lange Kette von Schritten, die das Gehirn nacheinander leisten muss. Bei einer Demenz gehen zunächst Verbindungen zwischen den Nervenzellen verloren. Später sterben die Zellen selbst, bis ganze Hirnbereiche nicht mehr richtig arbeiten. Diese Kette bekommt dadurch Lücken — und zwar an ganz unterschiedlichen Stellen.
| Schritt in der Kette | Was das Gehirn leisten muss | Was passieren kann |
|---|---|---|
| Hunger spüren | Signale aus dem Körper wahrnehmen und deuten | Der Hunger wird nicht mehr bemerkt — oder hört nie auf. |
| Durst spüren | Flüssigkeitsmangel registrieren | Das Durstgefühl lässt nach, obwohl der Körper Wasser braucht. |
| Erkennen | Sehen, dass etwas auf dem Tisch essbar ist | Der gedeckte Teller wird übersehen oder nicht als Essen erkannt. |
| Planen | Einkaufen, kochen, Reihenfolge einhalten | Mehrschrittige Abläufe misslingen, das Kochen wird aufgegeben. |
| Handeln | Besteck greifen und führen | Der Umgang mit Messer und Gabel geht verloren. |
| Kauen und schlucken | Bewegungen fein abstimmen | Im späteren Verlauf kommen Schluckstörungen dazu. |
| Aufhören | Sättigung spüren und die Mahlzeit beenden | Es fehlt der innere Schlusspunkt. |
Reißt die Kette an einer einzigen Stelle, sieht das von außen oft nach Unwillen aus. Tatsächlich ist es ein Ausfall, den die betroffene Person selbst nicht erklären und meist nicht einmal bemerken kann. Sie tut nicht, was sie nicht will — sie tut, was ihr Gehirn im Moment möglich macht.
Warum das für Sie wichtig ist
Der Unterschied zwischen „sie will nicht“ und „sie kann gerade nicht“ entscheidet darüber, was Sie als Nächstes tun. Aus „will nicht“ folgen Überreden, Diskutieren und Ärger — und alle drei verschlechtern die Lage. Aus „kann gerade nicht“ folgt die viel nützlichere Frage: Welcher Schritt der Kette fehlt hier eigentlich? Genau darum geht es in diesem Kurs.