Essen und Trinken bei Demenz · Modul 1 · Lektion 1

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Was im Gehirn passiert — und was das mit dem Teller zu tun hat

Ihr LernzielSie können erklären, warum sich das Ess- und Trinkverhalten bei einer Demenz verändert — und warum das keine Frage des Wollens ist.

Wenn ein vertrauter Mensch plötzlich kaum noch isst, das Lieblingsgericht stehen lässt oder zum dritten Mal nach dem Mittagessen fragt, ist der erste Gedanke oft ein Vorwurf — an die erkrankte Person oder an sich selbst. Beides führt in die Irre. Fast alles, was Ihnen beim Essen und Trinken auffällt, hat einen Grund in der Erkrankung.

Essen ist keine einfache Handlung

Wir erleben eine Mahlzeit als etwas Selbstverständliches. Tatsächlich ist sie eine lange Kette von Schritten, die das Gehirn nacheinander leisten muss. Bei einer Demenz gehen zunächst Verbindungen zwischen den Nervenzellen verloren. Später sterben die Zellen selbst, bis ganze Hirnbereiche nicht mehr richtig arbeiten. Diese Kette bekommt dadurch Lücken — und zwar an ganz unterschiedlichen Stellen.

Die Kette einer Mahlzeit — und wo sie bei einer Demenz reißen kann.
Schritt in der KetteWas das Gehirn leisten mussWas passieren kann
Hunger spürenSignale aus dem Körper wahrnehmen und deutenDer Hunger wird nicht mehr bemerkt — oder hört nie auf.
Durst spürenFlüssigkeitsmangel registrierenDas Durstgefühl lässt nach, obwohl der Körper Wasser braucht.
ErkennenSehen, dass etwas auf dem Tisch essbar istDer gedeckte Teller wird übersehen oder nicht als Essen erkannt.
PlanenEinkaufen, kochen, Reihenfolge einhaltenMehrschrittige Abläufe misslingen, das Kochen wird aufgegeben.
HandelnBesteck greifen und führenDer Umgang mit Messer und Gabel geht verloren.
Kauen und schluckenBewegungen fein abstimmenIm späteren Verlauf kommen Schluckstörungen dazu.
AufhörenSättigung spüren und die Mahlzeit beendenEs fehlt der innere Schlusspunkt.

Reißt die Kette an einer einzigen Stelle, sieht das von außen oft nach Unwillen aus. Tatsächlich ist es ein Ausfall, den die betroffene Person selbst nicht erklären und meist nicht einmal bemerken kann. Sie tut nicht, was sie nicht will — sie tut, was ihr Gehirn im Moment möglich macht.

Warum das für Sie wichtig ist

Der Unterschied zwischen „sie will nicht“ und „sie kann gerade nicht“ entscheidet darüber, was Sie als Nächstes tun. Aus „will nicht“ folgen Überreden, Diskutieren und Ärger — und alle drei verschlechtern die Lage. Aus „kann gerade nicht“ folgt die viel nützlichere Frage: Welcher Schritt der Kette fehlt hier eigentlich? Genau darum geht es in diesem Kurs.

Gisela Radtke steht vor dem geöffneten Küchenschrank, Werner beobachtet sie vom Türrahmen aus Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Ein Dienstagvormittag bei Familie Radtke in Wolfen.
Familie Radtke — der Küchenschrank

Gisela Radtke, 79, hat vierzig Jahre lang für die Familie gekocht. Seit einigen Wochen steht sie manchmal minutenlang vor dem geöffneten Küchenschrank. Gestern hat sie ihren Mann Werner gefragt, wo denn nun der Zucker sei — die Dose stand vor ihr im Regal.

Werner erzählt seiner Tochter Anja am Telefon: „Sie strengt sich einfach nicht mehr an.“

Gisela Radtke

„Ich stehe da und weiß genau, was ich holen wollte. Es liegt mir auf der Zunge. Und dann ist da nur noch dieses Regal voller Dosen, die mich alle gleich anschauen.“

Gisela, 79

Was denken Sie?

Werner sagt: „Sie strengt sich einfach nicht mehr an.“ Welcher erste Gedanke bringt die Familie weiter?

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Was Werner als fehlende Anstrengung liest, ist eine Wortfindungs- und Erkennungsstörung. Gisela sucht nicht den Zucker — sie sucht die Verbindung zwischen dem Wort, das sie im Kopf hat, und dem, was sie sieht.

Mein Rat an Angehörige lautet fast immer gleich: Stellen Sie keine Prüfungsfragen. Nicht „Weißt du noch, wo der Zucker steht?“, sondern „Hier ist er.“ Sie nehmen damit nichts weg. Sie überbrücken nur die Stelle, an der die Kette gerade reißt.

Und noch etwas: Werners Satz ist kein böser Satz. Er ist der Satz eines Mannes, der seit 56 Jahren mit derselben Frau lebt und nicht wahrhaben will, was er sieht. Diese Phase kennen fast alle Angehörigen.

Zum Mitnehmen
  • Essen und Trinken sind eine Kette vieler Einzelschritte — bei einer Demenz kann sie an jeder Stelle reißen.
  • Verändertes Essverhalten ist krankheitsbedingt, nicht Unwille und nicht Ihr Erziehungsfehler.
  • Die nützliche Frage lautet nicht „Warum will sie nicht?“, sondern „Welcher Schritt fehlt gerade?“
  • Prüfungsfragen vermeiden. Lieber die schwierige Stelle still überbrücken.

Wissenscheck

Wer bei einer Demenz das Kochen aufgibt, hat den Antrieb verloren und sollte dazu ermuntert werden.

Ein nachlassendes Durstgefühl gehört zu den typischen Veränderungen bei einer Demenz.