Die Welt der Betroffenen verstehen
Am späten Nachmittag wird Gisela oft unruhig. Neulich stand sie mit dem Mantel an der Wohnungstür: Sie wolle „nach Hause, die Mutter wartet". Werner erschrak — sie ist doch zu Hause, seit vierzig Jahren. Er widersprach, und Gisela wurde nur noch aufgeregter.
Der englische Psychologe Tom Kitwood hat unser Bild von Demenz verändert. Sein Kerngedanke: „Der Mensch bleibt Person" — auch mit Demenz. Nicht die Defizite stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seiner Geschichte und seinen Bedürfnissen. Man nennt das eine personzentrierte Haltung.
Daraus folgt ein hilfreicher Perspektivwechsel: Verhalten hat immer einen Sinn. Was von außen „schwierig" wirkt — Unruhe, Suchen, Rückzug — ist oft der Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses: nach Sicherheit, nach Nähe, nach einer sinnvollen Beschäftigung.
Die fünf Grundbedürfnisse als Text
- Bindung — sich sicher und verbunden fühlen.
- Trost — Halt in Unsicherheit und Verlust.
- Identität — wissen, wer man ist und war.
- Beschäftigung — sinnvoll tätig sein dürfen.
- Einbeziehung — dazugehören, nicht allein sein.
Im Zentrum steht für Kitwood ein einziges Wort: Liebe — verstanden als annehmende, wertschätzende Zuwendung.
Diese Haltung entlastet auch Angehörige wie Werner: Er muss nicht jedes Verhalten „wegbekommen", sondern darf fragen — welches Bedürfnis meldet sich hier gerade?
