Demenz verstehenModul 2: Verstehen und begleitenLektion 4
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Lernziel: Sie können die Grundidee der personzentrierten Haltung beschreiben und Verhalten als Ausdruck eines Bedürfnisses deuten.

Die Welt der Betroffenen verstehen

Am späten Nachmittag wird Gisela oft unruhig. Neulich stand sie mit dem Mantel an der Wohnungstür: Sie wolle „nach Hause, die Mutter wartet". Werner erschrak — sie ist doch zu Hause, seit vierzig Jahren. Er widersprach, und Gisela wurde nur noch aufgeregter.

Der englische Psychologe Tom Kitwood hat unser Bild von Demenz verändert. Sein Kerngedanke: „Der Mensch bleibt Person" — auch mit Demenz. Nicht die Defizite stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch mit seiner Geschichte und seinen Bedürfnissen. Man nennt das eine personzentrierte Haltung.

Daraus folgt ein hilfreicher Perspektivwechsel: Verhalten hat immer einen Sinn. Was von außen „schwierig" wirkt — Unruhe, Suchen, Rückzug — ist oft der Ausdruck eines unerfüllten Bedürfnisses: nach Sicherheit, nach Nähe, nach einer sinnvollen Beschäftigung.

Die fünf Grundbedürfnisse nach Kitwood — im Zentrum steht die Liebe.
Die fünf Grundbedürfnisse als Text
  • Bindung — sich sicher und verbunden fühlen.
  • Trost — Halt in Unsicherheit und Verlust.
  • Identität — wissen, wer man ist und war.
  • Beschäftigung — sinnvoll tätig sein dürfen.
  • Einbeziehung — dazugehören, nicht allein sein.

Im Zentrum steht für Kitwood ein einziges Wort: Liebe — verstanden als annehmende, wertschätzende Zuwendung.

Diese Haltung entlastet auch Angehörige wie Werner: Er muss nicht jedes Verhalten „wegbekommen", sondern darf fragen — welches Bedürfnis meldet sich hier gerade?

Werner nimmt Giselas Hand am Tisch und schaut sie ruhig an Mit Künstlicher Intelligenz erstellt – AI generated
Statt zu widersprechen, nimmt Werner ihre Hand — und wird ruhig.
Gisela Radtke

„Wenn er mir die Hand gibt und einfach da ist, dann weiß ich wieder: Ich bin nicht allein. Das mit dem Nach-Hause — das wird dann leiser.“

Gisela, 79

📋Giselas „nach Hause"

Gisela möchte am Nachmittag „nach Hause" — obwohl sie längst zu Hause ist. Werners Korrigieren macht sie nur unruhiger.

Wie deuten Sie das? Welches Bedürfnis könnte hinter dem Wunsch „nach Hause" stecken?

Übung

Was meint eine „personzentrierte" Haltung?

Kerstin Bergmann, Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

„Nach Hause" meint selten ein Gebäude — meist ein Gefühl von Geborgenheit, oft aus der Kindheit. Dahinter steht das Bedürfnis nach Bindung und Sicherheit. Werner hat den richtigen Weg gefunden: nicht widersprechen, sondern da sein — die Hand nehmen, ruhig sprechen, vielleicht ein Lied. Er hat verstanden, dass Giselas Verhalten eine Botschaft ist, keine Bosheit.

Zusammenfassung
  • Personzentriert heißt: Der Mensch bleibt Person — er steht im Mittelpunkt.
  • Verhalten ist Ausdruck eines Bedürfnisses, kein „Problem".
  • Fünf Grundbedürfnisse: Bindung, Trost, Identität, Beschäftigung, Einbeziehung.
  • Im Zentrum steht annehmende, wertschätzende Zuwendung.

Wissenscheck

Herausforderndes Verhalten sollte man vor allem korrigieren, statt nach dem dahinterliegenden Bedürfnis zu fragen.