Wenn Sie den Beobachtungsbogen aus Lektion 3 führen, werden Sie mit einiger Wahrscheinlichkeit dasselbe sehen wie Werner: Die schwierigen Situationen häufen sich am späten Nachmittag. Das ist kein Zufall und kein Einzelfall — es hat einen Namen.
Sundowning
Als Sundowning bezeichnet man eine Phase am frühen Abend, in der viele Menschen mit Demenz unruhiger werden. Sie wirken dann häufiger verwirrt, ängstlich oder gereizt und beginnen manchmal, unruhig umherzulaufen.
Warum das so ist, lässt sich nicht genau sagen. Wahrscheinlich spielen mehrere Dinge zusammen: die einbrechende Dunkelheit, die Erschöpfung nach einem langen Tag und Nächte mit wenig Schlaf. Auch hormonelle Prozesse und Veränderungen im Tag-Nacht-Rhythmus dürften beteiligt sein.
Für den Alltag ist die Ursache weniger wichtig als die Regelmäßigkeit: Wenn Sie wissen, dass es zwischen 16 und 19 Uhr schwieriger wird, können Sie den Tag danach bauen.
Warum der Schlaf ohnehin gestört ist
Schlaf und Wachsein werden vom Gehirn gesteuert. Bei einer Alzheimer-Erkrankung ist der Bereich, der den Tag-Nacht-Rhythmus reguliert, häufig schon früh betroffen. Die innere Uhr gerät aus dem Takt — das Gefühl dafür, wie spät es ist und ob gerade Tag oder Nacht ist, geht verloren.
Im Alltag zeigt sich das so: tagsüber viel schlafen und nachts wach werden, schlecht wieder einschlafen, nicht wissen, ob Tag oder Nacht ist. Dazu kommen Ursachen, die nichts mit der Demenz zu tun haben: Schmerzen, Harndrang, Hunger, schlechte Träume oder Medikamente. Und schlicht das Alter — ältere Menschen schlafen kürzer und leichter.
Was den Tag stabilisiert
Die innere Uhr lässt sich nicht zurückstellen. Aber sie lässt sich unterstützen — und zwar am Tag, nicht in der Nacht:
- Tageslicht, besonders morgens. Am Fenster frühstücken oder kurz an die frische Luft gehen hilft dem Gehirn, sich zeitlich zu orientieren. Im Winter kann eine Tageslichtlampe unterstützen.
- Bewegung zu festen Zeiten, am besten draußen. Sie baut Spannung ab und macht abends müde.
- Mittagsschlaf höchstens 30 Minuten. Länger bringt die innere Uhr zusätzlich durcheinander.
- Abends nicht zu früh ins Bett. Wer um acht schlafen geht, ist um zwei wach.
- Mahlzeiten zu festen Zeiten — sie sind ein wichtiger Taktgeber. Die letzte am besten zwei bis drei Stunden vor dem Zubettgehen.
Was den Abend ruhiger macht
| Bereich | Was hilft |
|---|---|
| Licht | Tagsüber ruhig hell. Abends dimmen, damit der Körper Melatonin bilden kann. Nachtlichter mit Bewegungsmelder geben Orientierung, ohne zu wecken. |
| Temperatur | Eher kühl, etwa 16 bis 20 Grad. Wer leicht friert, bekommt eine zusätzliche Decke. |
| Reize | Keine lauten Fernsehsendungen, keine hektischen Gespräche, kein grelles Licht am Abend. |
| Rituale | Ein Tee, leise Musik, eine kleine Geschichte, gemeinsames Zähneputzen — feste Signale dafür, dass jetzt die Nacht beginnt. |
| Nachts | Ruhig bleiben, leise Stimme, kurze Orientierung geben: „Es ist Nacht, du kannst weiterschlafen.“ Sanfte Nähe statt Diskussion. |
Manche Menschen kommen mit einer Gewichtsdecke besser zur Ruhe, weil sie ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Die Wirkung ist allerdings individuell sehr verschieden und sollte ärztlich abgeklärt werden — nicht jede Person und nicht jeder Gesundheitszustand verträgt sie.
Nach dem Beobachtungsbogen hat Werner zwei Dinge geändert. Die Körperpflege findet jetzt vormittags statt. Und er geht mit Gisela nach dem Frühstück eine Runde um den Block, auch bei schlechtem Wetter.
Nach drei Wochen zählt er nach: vier schwierige Situationen statt elf. Die Abende sind immer noch anstrengender als die Vormittage — aber es kippt seltener.
Eines hat sich nicht geändert: Gisela wird gegen halb sechs unruhig und läuft umher.
„Wenn es dunkel wird, habe ich das Gefühl, ich müsste noch etwas erledigen. Ich weiß nur nicht, was.“
Gisela, 79
Wie geht Werner mit der Unruhe um halb sechs um?
Gisela läuft gegen halb sechs unruhig umher. Was ist die beste Antwort darauf?
Ein ausgiebiger Mittagsschlaf hilft Menschen mit Demenz, den anstrengenden Abend besser zu überstehen.
Falsch. Ein Mittagsschlaf kann guttun, sollte aber 30 Minuten nicht überschreiten. Längerer Schlaf am Tag bringt die ohnehin gestörte innere Uhr zusätzlich durcheinander und erschwert den Nachtschlaf.
Werners Ergebnis — von elf auf vier — ist typisch für das, was mit Tagesstruktur erreichbar ist. Und es zeigt zugleich die Grenze: Die Unruhe am frühen Abend blieb. Sundowning verschwindet nicht durch gute Planung.
Deshalb rate ich, es umzudrehen: Nicht gegen die Unruhe arbeiten, sondern ihr einen Platz geben. Wenn ohnehin jeden Tag um halb sechs Bewegung entsteht, dann legen Sie dorthin das, was Bewegung braucht — den Gang zum Briefkasten, das Zusammenlegen der Wäsche, die Runde um den Block, das Gießen der Blumen. Aus einem Problem wird eine Verabredung.
Und ein Wort an Sie selbst: Der frühe Abend ist auch die Zeit, zu der Sie erschöpft sind. Zwei müde Menschen in einer schwierigen halben Stunde — das ist die eigentliche Zuspitzung. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, sich genau für diese Zeit stundenweise Unterstützung zu holen, ist sie dort am wertvollsten investiert.
Manchmal reichen Routinen und eine ruhige Umgebung nicht aus. Dann gilt: Hilfe annehmen, früh und ohne schlechtes Gewissen.
- Ärztliche Abklärung — Schmerzen, Infekte oder Nebenwirkungen von Medikamenten sind häufige und behandelbare Ursachen.
- Nachtpflege, Tagesbetreuung, stundenweise Hilfe können entlasten.
- Beruhigungsmittel nur nach ärztlicher Rücksprache und gezielt — sie bringen Risiken wie Stürze und zusätzliche Verwirrtheit mit sich.
Chronischer Schlafmangel ist kein Randthema: Er erhöht das Risiko für Bluthochdruck, Diabetes, Depressionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein geschwächtes Immunsystem. Ihr Schlaf ist keine Nebensache.
- Sundowning: Unruhe am frühen Abend, ausgelöst durch Dunkelheit, Erschöpfung und gestörten Tag-Nacht-Rhythmus.
- Die innere Uhr lässt sich nicht zurückstellen, aber am Tag unterstützen: Morgenlicht, Bewegung, feste Mahlzeiten.
- Mittagsschlaf höchstens 30 Minuten, abends nicht zu früh ins Bett.
- Abends: Licht dimmen, Reize senken, feste Rituale. Nachts: leise Stimme, kurze Orientierung.
- Der Unruhe einen Platz geben, statt gegen sie zu arbeiten.
- Beruhigungsmittel nur nach Rücksprache — Sturz- und Verwirrtheitsrisiko.
- Ihr eigener Schlaf ist keine Nebensache.
Wissenscheck
Bei nächtlicher Unruhe hilft es, das Deckenlicht einzuschalten, damit die Person sich besser orientieren kann.
Falsch. Grelles Licht weckt zusätzlich auf und erschwert das Wiedereinschlafen. Besser sind Nachtlichter mit Bewegungsmelder: Sie geben Orientierung, ohne den Schlafrhythmus zu stören.
Was ist der wirksamste Hebel gegen nächtliche Unruhe?