Früher sprach man von Weglauftendenz. Der Begriff hat sich geändert, und das aus gutem Grund: Menschen mit Demenz laufen nicht weg. Sie laufen hin — zum Haus ihrer Kindheit, zur früheren Arbeitsstelle, zu ihren Erinnerungen. Heute heißt es deshalb Hinlauftendenz.
Sie gehört zu den häufigsten und zugleich riskantesten Verhaltensweisen bei Demenz. Nach dem Welt-Alzheimer-Report 2022 zeigt etwa jede zweite bis dritte an Alzheimer erkrankte Person im Verlauf eine Hinlauftendenz.
Was im Gehirn passiert
Betroffen sind vor allem die Bereiche, die für räumliche Orientierung und Handlungsplanung zuständig sind — unter anderem Hippocampus und Frontallappen. Entfernungen und Richtungen lassen sich nicht mehr richtig einschätzen, und irgendwann werden auch vertraute Orte nicht mehr wiedererkannt.
Das Gehirn greift dann auf alte, gewohnte Muster zurück, auf Routinen, die früher Sicherheit gaben. Deshalb wollen manche Menschen „zur Arbeit“, „die Kinder abholen“ oder „zur Mutter“. Aus dem schleichenden Verlust der Orientierung wird so ein aktives Verhalten mit innerer Logik.
Wann es typischerweise auftritt
- Am häufigsten im mittleren bis fortgeschrittenen Stadium — wenn die Orientierung schon eingeschränkt, der Bewegungsdrang aber noch stark ist.
- Besonders oft am späten Nachmittag und Abend (Sundowning).
- Wenn sich Routinen ändern oder die Umgebung ungewohnt ist.
- Oft ohne Vorwarnung, auch bei gewohnten Tätigkeiten wie Spaziergängen, Einkäufen oder Autofahrten.
- Wer schon einmal unterwegs verloren gegangen ist, zeigt das Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut.
Vorbeugen — abstellen lässt es sich nicht
Das ist wichtig zu wissen und entlastet: Eine Hinlauftendenz lässt sich nie vollständig abstellen. Es geht darum, das Risiko zu senken.
| Ansatz | Konkret |
|---|---|
| Bewegung ermöglichen | Wer sich tagsüber ausreichend bewegt, ist abends ruhiger. Spaziergänge, Gartenarbeit, kleine Aufgaben im Haushalt bauen überschüssige Energie ab. |
| Kleine Alarme | Eine Alarmmatte oder schlicht ein Glöckchen an der Tür meldet ein unbemerktes Verlassen — ohne einzusperren. |
| Türen unauffälliger gestalten | Ein Vorhang vor der Haustür, eine farbliche Anpassung, ein Stoppschild. Manchmal genügt es, die Klinke gegen einen ungewohnten Drehknauf zu tauschen. |
| Die Nachbarschaft einweihen | Nachbarn und Geschäftsleute kurz informieren und um einen Anruf bitten, falls jemand allein und orientierungslos wirkt. Oft die größte Sicherheit überhaupt. |
| Technik — mit Zustimmung | Eine Smartwatch mit GPS-Ortung kann im Notfall helfen. Die erkrankte Person muss damit einverstanden sein. Wird das abgelehnt: Notfallausweis oder Kontaktdaten an der Kleidung. |
Der naheliegende Gedanke — abschließen und Schlüssel abziehen — ist aus zwei Gründen problematisch. Praktisch: Eingesperrt zu sein verstärkt Panik, Unruhe und Widerstand; die Situation wird schwieriger, nicht leichter. Und im Brandfall wird eine verschlossene Tür zur Gefahr.
Rechtlich ist das Einsperren einer Person eine freiheitsentziehende Maßnahme und an enge Voraussetzungen gebunden. Bevor Sie so etwas erwägen, sprechen Sie mit der Hausarztpraxis, dem Pflegestützpunkt oder mit uns in der Beratung. Es gibt fast immer mildere Wege — und die stehen oben in der Tabelle.
Trotz aller Vorsicht kann es passieren. Dann zählt jede Minute.
- Rufen Sie sofort die Polizei — nicht erst, wenn Sie selbst schon lange gesucht haben. Das ist der häufigste und folgenreichste Fehler.
- Halten Sie ein aktuelles Foto und eine Beschreibung bereit.
- Sagen Sie ausdrücklich, dass die Person an Demenz erkrankt ist und sich möglicherweise orientierungslos bewegt.
- Suchen Sie vertraute Wege und Orte ab: frühere Wohnorte, Arbeitsstellen, Bushaltestellen, Kirchen.
- Informieren Sie Nachbarschaft und Geschäfte in der Nähe.
- Halten Sie die Daten zu GPS-Tracker oder Notfallausweis griffbereit.
Viele Menschen mit Demenz werden in der Nähe ihres Zuhauses gefunden, weil sie Schutz oder Ruhe suchen. Manchmal verstecken sie sich, reagieren nicht auf Rufe oder erkennen bekannte Stimmen nicht. Rufen allein genügt also nicht.
An einem Samstag im Oktober ist Werner kurz im Keller. Als er hochkommt, steht die Wohnungstür offen. Gisela ist weg.
Er sucht zwanzig Minuten allein: Treppenhaus, Hof, die Straße hoch und runter. Dann ruft er Anja an. Anja ruft die Polizei. Gisela wird vierzig Minuten später an der Bushaltestelle vor ihrer alten Näherei gefunden — drei Kilometer entfernt, bei zehn Grad, ohne Jacke.
„Ich dachte, ich finde sie gleich. Ich wollte niemanden beunruhigen. Diese zwanzig Minuten kriege ich nicht mehr aus dem Kopf.“
Werner, 82
Was war der entscheidende Fehler?
Was hätte Werner anders machen müssen?
Welche Vorkehrung hätte in dieser Situation am ehesten geholfen?
Werners Satz „Ich wollte niemanden beunruhigen“ höre ich fast in jeder Beratung nach so einem Vorfall. Dahinter steht Scham: das Gefühl, versagt zu haben, wenn man Hilfe braucht. Rufen Sie trotzdem sofort an. Die Polizei kennt diese Einsätze, sie sind Alltag, und niemand wird Ihnen einen Vorwurf machen.
Dass Gisela ausgerechnet zur alten Näherei ging, ist übrigens kein Zufall und die wichtigste Information des ganzen Tages: Ziele wiederholen sich. Wer einmal irgendwohin unterwegs war, geht mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder dorthin. Schreiben Sie sich solche Orte auf — sie gehören beim nächsten Mal als Erstes abgesucht und in jede Vermisstenmeldung.
Und noch etwas, das oft vergessen wird: Nach einem solchen Vorfall braucht auch die erkrankte Person Zuwendung. Sie war verloren, hatte Angst und wird möglicherweise mit Vorwürfen empfangen. Das ist verständlich — hilft aber niemandem.
Was in eine Notfallmappe gehört
- Ein aktuelles Foto, nicht älter als ein Jahr (Kopfaufnahme, gut erkennbar)
- Eine kurze Personenbeschreibung: Größe, Statur, Brille, Gehhilfe, Besonderheiten
- Eine Liste vertrauter Orte: frühere Wohnungen, Arbeitsstellen, Kirche, Friedhof, Vereinslokal
- Die üblicherweise getragene Kleidung und ob eine Jacke fehlt
- Hinweise auf Erkrankungen und Medikamente
- Zugangsdaten zu GPS-Tracker oder Notfallausweis
- Telefonnummern von Nachbarn, die mitsuchen können
Am besten griffbereit an einem festen Platz — und eine Kopie bei einer zweiten Person.
- Es heißt Hinlauf- und nicht Weglauftendenz: Menschen gehen zu etwas, nicht von etwas weg.
- Etwa jede zweite bis dritte an Alzheimer erkrankte Person zeigt sie im Verlauf.
- Vollständig abstellen lässt sie sich nicht — das Risiko aber deutlich senken.
- Wirksam: Bewegung tagsüber, Alarmmatte oder Glöckchen, Tür unauffällig gestalten, Nachbarschaft einweihen, Technik mit Zustimmung.
- Einsperren ist eine freiheitsentziehende Maßnahme — und im Brandfall gefährlich.
- Im Ernstfall: sofort die Polizei, nicht erst selbst suchen. Foto und Ortsliste bereithalten.
- Ziele wiederholen sich. Aufschreiben, wo jemand hinwollte.
Wissenscheck
Wenn ein Mensch mit Demenz vermisst wird, sollte man zunächst selbst eine halbe Stunde suchen, bevor man die Polizei einschaltet.
Falsch. Informieren Sie sofort die Polizei — nicht erst, wenn Sie selbst lange gesucht haben. In einer halben Stunde legt ein Mensch zu Fuß mehrere Kilometer zurück, und die Suche wird mit jeder Minute schwieriger.
Ergänzen Sie den Begriff und seinen Grund:
Man spricht heute von , weil Menschen mit Demenz nicht weglaufen, sondern zu vertrauten Orten und hinlaufen.