Herausforderndes Verhalten verstehen · Modul 2 · Lektion 1

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„Sie schreit mich an“

Ihr LernzielSie deeskalieren eine aufgeladene Situation, ohne zu argumentieren — und Sie wissen, wann Sie besser gehen.

Die letzten beiden Lektionen dienten dem Vorbeugen. Aber manchmal ist die Situation schon da: Es wird laut, es wird gestoßen, die Lage kippt. Was dann?

Das Wichtigste vorweg: In diesem Moment lässt sich nichts mehr erklären. Unter Stress ist genau die Fähigkeit blockiert, die man bräuchte, um einem Argument zu folgen. Vernünftige Argumente helfen in emotional aufgeladenen Situationen nicht weiter — sie verlängern sie.

Was hilft, sind fünf Schritte in dieser Reihenfolge.

Die fünf Schritte in der Reihenfolge, in der sie wirken. Video ohne Ton, abspielbar über die Steuerung.
Dieselben fünf Schritte als Text
  1. Sicherheit herstellen. Einen Schritt zurücktreten, nicht festhalten, den Weg freimachen. Gefährliche Gegenstände unauffällig aus Reichweite. Sicherheit geht vor Zuwendung — und Abstand ist selbst schon beruhigend.
  2. Selbst herunterfahren. Langsamer sprechen, leiser, tiefer. Hände offen und sichtbar. Auf Augenhöhe gehen, nicht über der Person stehen. Ihre Anspannung überträgt sich schneller als Ihre Worte.
  3. Den Auslöser wegnehmen. Fernseher aus, Licht dimmen, die begonnene Tätigkeit abbrechen, den Raum wechseln. Die Aufgabe kann warten — sie ist nie so wichtig wie die Beziehung.
  4. Das Gefühl anerkennen. Nicht den Sachverhalt, sondern die Stimmung: „Das ärgert dich.“ „Ich sehe, dass es dir zu viel ist.“ „Ich bin hier bei dir.“ Kurze Sätze, keine Fragen.
  5. Aufmerksamkeit umlenken. Auf etwas Positives oder Interessantes: eine vertraute Melodie, ein Fotoalbum, ein Blick in den Garten, etwas zu trinken, ein kurzer Spaziergang.

Was Sie in diesem Moment nicht tun sollten

Und wenn es zu viel wird: Gehen Sie

Muten Sie sich nicht zu viel zu. Wenn Sie merken, dass Sie selbst kurz davor sind, laut zu werden, ist das kein Versagen, sondern ein Signal. Verlassen Sie kurz die Situation — sofern die Person allein sicher ist — oder bitten Sie jemanden um Hilfe.

Ein paar Minuten in einem anderen Raum sind fast immer besser als fünf weitere Minuten in der Eskalation. Sehr oft löst sich die Situation in dieser Zeit von selbst, weil der Auslöser — nämlich die Anforderung — weg ist.

Werner Radtke geht in die Hocke, hält die Hände offen und spricht ruhig zu Gisela Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
Auf Augenhöhe, Hände offen, Abstand halten — das wirkt vor jedem Satz.
Familie Radtke — noch einmal der Mantel

Vier Wochen nach der Szene im Flur ist die Lage ähnlich: Termin, Zeitdruck, Mantel. Diesmal macht Werner es anders.

Er legt den Mantel über die Stuhllehne, statt ihn hinzuhalten. Er setzt sich. Und er sagt nichts über den Termin.

Werner
WernerIst ganz schön hektisch heute, was?
Gisela
GiselaJa. Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht.
Werner
WernerTrinkst du erst einen Schluck Kaffee mit mir? Dann gehen wir zusammen raus.
Gisela Radtke

„Er hat sich hingesetzt. Das war gut. Dann ging es plötzlich wieder.“

Gisela, 79

Was hat Werner richtig gemacht?

Werner kommt diesmal ohne Streit aus dem Haus. Was war der entscheidende Unterschied?

Wenn ein Mensch mit Demenz im Streit etwas Falsches behauptet, sollte man es ruhig, aber klar richtigstellen.

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Was Werner hier gelernt hat, ist der Kern dieses Kurses: Er hat aufgehört, die Situation zu gewinnen, und angefangen, sie zu gestalten.

Drei Dinge daran sind übertragbar. Erstens: Sich hinsetzen. Wer sitzt, wirkt nicht bedrängend, und das Tempo fällt automatisch. Zweitens: Eine Stimmung benennen statt einen Auftrag geben. „Ist ganz schön hektisch“ lädt ein, „zieh das an“ fordert. Drittens: Eine gemeinsame Handlung anbieten, die zum Ziel führt, ohne das Ziel zum Thema zu machen.

Und noch ein Satz zu den Situationen, in denen es nicht gelingt — die wird es geben: Ein misslungener Nachmittag ist kein misslungener Umgang. Auch bei bester Vorbereitung kommen Ausbrüche unerwartet, selbst bei Menschen, die seit Jahren pflegen. Das liegt nicht an Ihnen.

Zum Mitnehmen
  • Im Ausbruch lässt sich nichts erklären. Argumente verlängern ihn.
  • Fünf Schritte: Sicherheit → selbst herunterfahren → Auslöser weg → Gefühl anerkennen → umlenken.
  • Nicht festhalten, nicht richtigstellen, keine Fragenketten, nicht von hinten annähern.
  • Sich hinsetzen senkt den Druck sofort.
  • Eine Stimmung benennen statt einen Auftrag geben.
  • Wenn es zu viel wird: kurz die Situation verlassen oder Hilfe holen.

Wissenscheck

Wer in einer eskalierten Situation einen Schritt zurücktritt, signalisiert Hilflosigkeit und verliert die Kontrolle.

Welcher Satz eignet sich am besten, um ein Gefühl anzuerkennen?