Die letzten beiden Lektionen dienten dem Vorbeugen. Aber manchmal ist die Situation schon da: Es wird laut, es wird gestoßen, die Lage kippt. Was dann?
Das Wichtigste vorweg: In diesem Moment lässt sich nichts mehr erklären. Unter Stress ist genau die Fähigkeit blockiert, die man bräuchte, um einem Argument zu folgen. Vernünftige Argumente helfen in emotional aufgeladenen Situationen nicht weiter — sie verlängern sie.
Was hilft, sind fünf Schritte in dieser Reihenfolge.
Dieselben fünf Schritte als Text
- Sicherheit herstellen. Einen Schritt zurücktreten, nicht festhalten, den Weg freimachen. Gefährliche Gegenstände unauffällig aus Reichweite. Sicherheit geht vor Zuwendung — und Abstand ist selbst schon beruhigend.
- Selbst herunterfahren. Langsamer sprechen, leiser, tiefer. Hände offen und sichtbar. Auf Augenhöhe gehen, nicht über der Person stehen. Ihre Anspannung überträgt sich schneller als Ihre Worte.
- Den Auslöser wegnehmen. Fernseher aus, Licht dimmen, die begonnene Tätigkeit abbrechen, den Raum wechseln. Die Aufgabe kann warten — sie ist nie so wichtig wie die Beziehung.
- Das Gefühl anerkennen. Nicht den Sachverhalt, sondern die Stimmung: „Das ärgert dich.“ „Ich sehe, dass es dir zu viel ist.“ „Ich bin hier bei dir.“ Kurze Sätze, keine Fragen.
- Aufmerksamkeit umlenken. Auf etwas Positives oder Interessantes: eine vertraute Melodie, ein Fotoalbum, ein Blick in den Garten, etwas zu trinken, ein kurzer Spaziergang.
Was Sie in diesem Moment nicht tun sollten
- Nicht argumentieren und nichts richtigstellen — auch nicht, wenn der Vorwurf falsch ist.
- Nicht festhalten. Körperliche Einschränkung eskaliert fast immer.
- Nicht selbst laut oder vorwurfsvoll werden. Verständlich, aber es gießt Öl ins Feuer.
- Keine Fragenkette. Jede Frage ist eine Aufgabe, und Aufgaben sind gerade das Problem.
- Nicht von hinten annähern und nicht unangekündigt berühren.
Muten Sie sich nicht zu viel zu. Wenn Sie merken, dass Sie selbst kurz davor sind, laut zu werden, ist das kein Versagen, sondern ein Signal. Verlassen Sie kurz die Situation — sofern die Person allein sicher ist — oder bitten Sie jemanden um Hilfe.
Ein paar Minuten in einem anderen Raum sind fast immer besser als fünf weitere Minuten in der Eskalation. Sehr oft löst sich die Situation in dieser Zeit von selbst, weil der Auslöser — nämlich die Anforderung — weg ist.
Vier Wochen nach der Szene im Flur ist die Lage ähnlich: Termin, Zeitdruck, Mantel. Diesmal macht Werner es anders.
Er legt den Mantel über die Stuhllehne, statt ihn hinzuhalten. Er setzt sich. Und er sagt nichts über den Termin.
„Er hat sich hingesetzt. Das war gut. Dann ging es plötzlich wieder.“
Gisela, 79
Was hat Werner richtig gemacht?
Werner kommt diesmal ohne Streit aus dem Haus. Was war der entscheidende Unterschied?
Wenn ein Mensch mit Demenz im Streit etwas Falsches behauptet, sollte man es ruhig, aber klar richtigstellen.
Falsch. In einer emotional aufgeladenen Situation helfen vernünftige Argumente nicht weiter — die Fähigkeit, ihnen zu folgen, ist gerade blockiert. Richtigstellen verlängert den Konflikt und erzeugt zusätzlich das Gefühl, im Unrecht zu sein. Erst beruhigen, den Sachverhalt notfalls gar nicht klären.
Was Werner hier gelernt hat, ist der Kern dieses Kurses: Er hat aufgehört, die Situation zu gewinnen, und angefangen, sie zu gestalten.
Drei Dinge daran sind übertragbar. Erstens: Sich hinsetzen. Wer sitzt, wirkt nicht bedrängend, und das Tempo fällt automatisch. Zweitens: Eine Stimmung benennen statt einen Auftrag geben. „Ist ganz schön hektisch“ lädt ein, „zieh das an“ fordert. Drittens: Eine gemeinsame Handlung anbieten, die zum Ziel führt, ohne das Ziel zum Thema zu machen.
Und noch ein Satz zu den Situationen, in denen es nicht gelingt — die wird es geben: Ein misslungener Nachmittag ist kein misslungener Umgang. Auch bei bester Vorbereitung kommen Ausbrüche unerwartet, selbst bei Menschen, die seit Jahren pflegen. Das liegt nicht an Ihnen.
- Im Ausbruch lässt sich nichts erklären. Argumente verlängern ihn.
- Fünf Schritte: Sicherheit → selbst herunterfahren → Auslöser weg → Gefühl anerkennen → umlenken.
- Nicht festhalten, nicht richtigstellen, keine Fragenketten, nicht von hinten annähern.
- Sich hinsetzen senkt den Druck sofort.
- Eine Stimmung benennen statt einen Auftrag geben.
- Wenn es zu viel wird: kurz die Situation verlassen oder Hilfe holen.
Wissenscheck
Wer in einer eskalierten Situation einen Schritt zurücktritt, signalisiert Hilflosigkeit und verliert die Kontrolle.
Falsch. Abstand ist der wirksamste erste Schritt: Er stellt Sicherheit her und wirkt für sich genommen bereits beruhigend. Nähe und Festhalten verstärken dagegen das Gefühl, bedrängt zu werden — und damit die Abwehr.
Welcher Satz eignet sich am besten, um ein Gefühl anzuerkennen?