Mehr als Vergesslichkeit
Gisela war immer die Organisierte in der Familie. Doch seit einigen Monaten verlegt sie häufig Dinge — den Wohnungsschlüssel fand Werner neulich im Kühlschrank. Sie sucht mitten im Satz nach Worten, und den Geburtstag ihrer Enkelin hat sie vergessen, zum ersten Mal überhaupt. Ihre Tochter Anja ist verunsichert: „Ist das schon Demenz — oder einfach das Alter?“
Demenz ist kein einzelnes Krankheitsbild, sondern ein Oberbegriff für mehr als fünfzig Erkrankungen des Gehirns. Ihnen gemeinsam ist: Geistige Fähigkeiten wie Gedächtnis, Denken, Orientierung und Sprache lassen nach und nach nach — so weit, dass der Alltag zunehmend Unterstützung braucht.
Das Wort stammt aus dem Lateinischen (de mens — „weg vom Geist"). Doch der Begriff führt in die Irre: Menschen mit Demenz verlieren nicht ihren Geist und schon gar nicht ihre Würde. Sie bleiben Menschen mit Gefühlen, mit einer Lebensgeschichte und mit Bedürfnissen — bis zuletzt.
„Ich merke doch selbst, dass mir das Wort fehlt. Ich brauche nur einen Moment länger — und manchmal ist es dann einfach weg. Das macht mir Angst, aber ich bin doch noch ich.“
Gisela, 79
Dieselbe Übersicht als Tabelle
| Normale Vergesslichkeit | Warnzeichen für eine Demenz |
|---|---|
| Sie verlegen den Schlüssel und finden ihn wieder. | Der Schlüssel liegt im Kühlschrank — und wozu er dient, ist unklar. |
| Ein Name fällt Ihnen erst später ein. | Vertraute Personen werden nicht mehr erkannt. |
| Sie müssen kurz überlegen, welcher Wochentag ist. | Orientierung über Zeit und Ort geht zunehmend verloren. |
Wichtig: Ein einzelnes dieser Zeichen bedeutet noch keine Demenz. Sicherheit gibt nur eine ärztliche Abklärung — je früher, desto besser, denn manche Ursachen sind behandelbar.
Entscheidend ist nicht ein einzelnes Zeichen, sondern wenn mehrere über Wochen auftreten und den Alltag spürbar erschweren:
- Gedächtnislücken, die stören: Kürzlich Besprochenes ist weg, Termine werden vergessen, dieselbe Frage kommt mehrmals.
- Vertraute Aufgaben fallen schwer: Kochen nach Rezept, Bankgeschäfte, die Bedienung von Herd, Fernbedienung oder Telefon.
- Sprache & Wortfindung: Häufiges Suchen nach Wörtern, den Faden im Gespräch verlieren.
- Orientierung: Unsicherheit bei Datum und Jahreszeit, bekannte Wege werden fremd.
- Urteilsvermögen: Kleidung passt nicht zum Wetter, unvorsichtiger Umgang mit Geld.
- Dinge verlegen: Gegenstände tauchen an ungewöhnlichen Orten auf (der Schlüssel im Kühlschrank).
- Rückzug & Wesensänderung: Hobbys werden aufgegeben, Antrieb und Stimmung lassen nach, das Wesen verändert sich.
Auch für Betroffene: Viele spüren selbst, dass „etwas nicht stimmt". Nehmen Sie dieses Gefühl ernst — es ist ein Grund, in Ruhe hinzuschauen, kein Grund zur Scham.
Demenz ist keine normale Alterserscheinung. Zwar steigt das Risiko mit den Jahren, doch die meisten alten Menschen entwickeln keine Demenz. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz — mit steigender Tendenz. Hinter jeder Zahl steht eine Familie wie die Radtkes.
