Herausforderndes Verhalten verstehen · Modul 3 · Lektion 3

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Ihre Grenzen sind keine Niederlage

Ihr LernzielSie schützen sich selbst und holen Hilfe, bevor es eskaliert — und Sie wissen, wo diese Hilfe zu finden ist.

Wir sind am Ende des Kurses. Neun Lektionen lang ging es darum, was Sie tun können. Diese letzte handelt davon, was Sie nicht allein tragen müssen.

Warum gerade dieses Thema so zehrt

Aggressive Vorfälle sind nie einfach — und besonders schwer, wenn man den anderen Menschen liebt und sich täglich um ihn kümmert. Anders als bei fast allem sonst in der Pflege trifft es hier die Beziehung selbst. Angeschrien zu werden von jemandem, mit dem man ein Leben teilt, hinterlässt etwas, auch wenn man alles Fachliche verstanden hat.

Deshalb möchte ich diesen Satz sehr deutlich sagen: Sie müssen nicht unbegrenzt belastbar sein, und Sie müssen es auch nicht werden. Ihre Grenze ist kein Charakterfehler. Sie ist eine Information.

Was in der Situation schützt

Was auf Dauer trägt

Sprechen Sie über Ihre Gefühle und suchen Sie sich Abstand. Am wirksamsten ist dabei der Austausch mit Menschen, die dasselbe erleben — in einer Angehörigengruppe hört niemand zum ersten Mal, dass ein geliebter Mensch geschrien hat.

Und wenn sich die Ereignisse häufen, besprechen Sie die Situation mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt. Das ist keine Kapitulation, sondern der nächste sinnvolle Schritt.

Wo Sie Unterstützung bekommen
  • Demenznetz Anhalt-Bitterfeld — kostenfreie Beratung, Angehörigengruppen und Vermittlung vor Ort. Wir kennen die Angebote in der Region.
  • Kurse für pflegende Angehörige — hier lernen Sie den Umgang mit schwierigem Verhalten praktisch und im Austausch. Solche Trainings verbessern nachweislich die Situation für beide Seiten. Pflegekassen bieten sie kostenfrei an.
  • Pflegestützpunkt und Pflegekasse — Pflegegrad, Verhinderungspflege, Tagespflege, Entlastungsbetrag.
  • Hausarztpraxis — erste Adresse für alles Körperliche und für die Frage nach Medikamenten.
  • Stundenweise Betreuung und Tagespflege — besonders wertvoll in der schwierigsten Tageszeit.
  • Nachtpflege — wenn die Nächte dauerhaft nicht mehr tragbar sind.

Und wenn es zu Hause nicht mehr geht?

Manchmal ist der Punkt erreicht, an dem die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist. Ein Umzug in eine Einrichtung kann dann neue Stabilität bringen — für die erkrankte Person und für Sie.

Das ist kein Scheitern, sondern eine Entscheidung für mehr Lebensqualität. Viele Angehörige berichten, dass die Beziehung danach wieder besser wurde, weil sie nicht mehr zuständig sein mussten, sondern wieder Partnerin, Tochter, Sohn sein konnten.

Werner Radtke sitzt in einer Angehörigengruppe im Stuhlkreis und erzählt Mit Künstlicher Intelligenz erstellt
In einer Angehörigengruppe hört niemand so etwas zum ersten Mal.
Familie Radtke — Werner sagt einen Satz

Es ist Werners dritter Abend in der Angehörigengruppe. Zweimal hat er nur zugehört. Heute sagt er:

„Vorletzte Woche hat sie mich geschlagen. Nicht fest. Aber sie hat mich geschlagen. Und ich habe zurückgeschrien. Ich habe meine Frau angeschrien.“

Es ist still. Dann sagt eine Frau ihm gegenüber: „Bei mir war es im Februar. Ich habe es keinem erzählt.“

Werner Radtke

„Ich dachte, ich bin der Einzige, dem so etwas passiert. Das war das Schlimmste daran. Nicht der Abend selbst.“

Werner, 82

Was ist hier passiert?

Werner erzählt, dass er zurückgeschrien hat. Wie ist das einzuordnen?

Wenn man selbst laut geworden ist, sollte man das für sich behalten, um die erkrankte Person nicht bloßzustellen.

Kerstin Bergmann, Beraterin im Demenznetz
Fachliche Einordnung · Frau Bergmann

Der Satz, den ich aus diesem Abend mitnehme, ist nicht Werners Geständnis. Es ist der Satz der Frau gegenüber: „Ich habe es keinem erzählt.“

Genau das ist das Muster. Menschen tragen solche Abende jahrelang allein, weil sie glauben, sie seien die Einzigen. Sie sind es nie. In jeder Angehörigengruppe, die ich begleite, kennt die Mehrheit im Raum diese Situation.

Zwei Dinge dazu. Erstens: Ein solcher Vorfall bedeutet nicht, dass Sie ungeeignet sind. Er bedeutet, dass die Belastung zu lange zu hoch war. Die Antwort darauf heißt Entlastung, nicht mehr Selbstdisziplin. Zweitens: Holen Sie die Hilfe früher, als Sie es für nötig halten. Fast alle Angehörigen, die ich kenne, haben zu lange gewartet — und keiner hat es später bereut, zu früh gekommen zu sein.

Damit sind wir am Ende. Sie haben in diesem Kurs gelernt, Verhalten als Botschaft zu lesen, Auslöser zu finden, zu deeskalieren, vorzubeugen und ärztliche Hilfe einzuordnen. Das ist eine Menge. Das Wichtigste aber ist der Satz, mit dem wir angefangen haben: Es ist nichts Persönliches. Weder das, was Ihnen entgegenschlägt — noch das, was Sie an Ihren eigenen Grenzen über sich erfahren.

Danke, dass Sie sich diese Zeit genommen haben.

Wenn es gefährlich wird

Bei akuter Gefahr für Sie oder die erkrankte Person zögern Sie nicht: Notruf 112 bei medizinischen Notfällen und Verletzungen, 110 bei Gefahr für Leib und Leben. Das ist kein Verrat an Ihrem Angehörigen — es ist Fürsorge für beide.

Wenn Sie merken, dass Sie selbst kurz davor sind, die Kontrolle zu verlieren, gilt dasselbe wie in Lektion 4: Gehen Sie aus dem Raum. Das ist in diesem Moment die beste Entscheidung, die Sie treffen können.

Zum Mitnehmen
  • Ihre Grenze ist kein Charakterfehler, sondern eine Information.
  • Gehen ist erlaubt — kurz die Situation verlassen oder Hilfe holen.
  • Nach einem Vorfall ein Nachher einplanen: Luft, Anruf, fünf Minuten allein.
  • Austausch mit anderen Angehörigen wirkt am stärksten gegen das Gefühl, der Einzige zu sein.
  • Kurse für pflegende Angehörige verbessern die Lage für beide Seiten.
  • Ein Umzug in eine Einrichtung ist kein Scheitern, sondern eine Entscheidung für Lebensqualität.
  • Holen Sie Hilfe früher, als Sie es für nötig halten.

Wissenscheck

Wenn pflegende Angehörige in einer eskalierten Situation den Raum verlassen, vernachlässigen sie ihre Fürsorgepflicht.

Was ist die angemessene Konsequenz, wenn eine pflegende Person selbst laut geworden ist?